Frankreich während der Corona Krise (Teil 2)

Es war gar nicht so einfach, sich unter der – Corona Neubewertung aller sozialen Interaktionen – immer richtig zu verhalten.

Nur ein Beispiel, eine ganz typische Situation:

Das Wasser geht zur Neige und ich beschließe vor der Mairie von Rennes-le-Bains zu halten, um aufzutanken. Ich parke daher den Truck und stelle fest: der Wasserhahn funktioniert ja gar nicht, wenn man drauf drückt. Da kommt gar kein Wasser.

So weit, so gut. Scene: typisch französische Kleinstadt, T244 Truck, Wasserhahn der nicht geht, ratlos & etwas verträumt guckender Typ mittleren Alters. In dem Moment ist noch alles unter Kontrolle, auch in Hinsicht auf Corona und sozialem Abstand.

In den nächsten 8 Minuten passiert dann folgendes praktisch gleichzeitig:

Aus dem Haus kommt ein total freundlicher und hilfsbereiter Mieter. Er sagt, der Wasserhahn wäre schon länger kaputt, aber ich könne bei ihm in der Wohnung Wasser holen. Er wohne zwar im 4. Stock, aber mit Fahrstuhl. Ein Pärchen in einem Peugeot hält hinter mir. Die Beifahrerin steigt aus, verärgert, und möchte, daß ich den Truck etwas umsetze, damit sie parken können. Auf der Strasse hält ein weiteres Auto. Der Fahrer ist spontan begeistert von meinem LKW, sowas hat er noch nicht gesehen, fragt, ob er Fotos machen darf. Ich: kein Problem damit. Er läuft begeistert mit dem Handy knipsend um das Gefährt herum. Ein leicht ungepflegt aussehender, aber netter Typ mit Rastalocken und Skateboard rollt herbei und fragt, ob er als Anhalter mit kann.

Menschen die hilfsbereit sind, ärgerlich, freudig abgelenkt, ein unbekannter Anhalter, eine gemeinsame Fahrstuhlfahrt, das alles auf einmal und unter der Corona NEUBEWERTUNG.

Muss ich noch extra hinzufügen, daß keiner eine Maske auf hatte und daß der soziale Abstand 1,5 Meter bis 2,0 Meter kaum eingehalten wurde ? Und Wasser zum Händewaschen war auch gerade aus, wie Eingangs berichtet.

Alles gar nicht so einfach.

Typische Situation im Supermarkt. Der Einlass wurde reglementiert, es gab lange Schlangen, überall waren Stationen zur Desinfektion.
zugeklebter Briefkasten der französischen Post
Wegen Corona gesperrter, kommunaler Stellplatz. Die Entsorgungsmöglichkeit war offen.

Aber irgendwann war es Zeit, ernsthaft an die Rückreise zu denken. Ich bin dann quer durch die Pyrenäen Richtung Atlantik gefahren, um unterwegs ruhige Stellplätze aufzusuchen und noch etwas wandern zu gehen.

Ich schreib ja auch in dem einen oder anderen Internetforum – und dort bin ich erstaunlich aggressiv dafür kritisiert worden, überhaupt unterwegs zu sein. Dabei habe ich aus meiner Sicht das einzig richtige getan: sich alleine irgendwo isoliert hinbegeben und gleichzeitig keinen Lagerkoller kriegen. Das ganze, ohne jemanden zu gefährden, was mir in einer Großstadt wie Hannover so bestimmt nicht gelungen wäre. Es kommt im Leben nun Mal drauf an, immer das beste aus der Situation zu machen und nicht komplett Corona hysterisch zu werden.

Eine gute Zeit haben – trotz Corona – und die neuen sozialen Regeln einhalten: das ist mir beides gelungen. Für ein paar Typen in dem Forum war das unvorstellbar, die hatten allein Quarantäne zu Haus im Kopf, aber viele von denen fahren vermutlich sowieso nur noch auf Treffen in Deutschland oder hatten vor 30 Jahren Mal einen LKW. Und gehen im Leben nicht das allerkleinste Risiko ein ….

A propos Risiko:

Jaa, der Feldweg hier war definitiv zu eng für den LKW, aber zurück ging auch schlecht. Dafür gibts hier nun ein schönes Abenteuerfoto.
Das Plateau von Beille. Anzahl der Besucher: 1 … dort gabs Wasser, gutes Wetter, Wanderwege und gratis WLAN, mehr brauchte ich nicht.
Das gleiche Gebiet, mit Blick auf die verschneiten Berge. Dort hinten ist bereits Andorra.
Das Bild ist in einer kleinen Wanderhütte im Aston Tal entstanden. Ab da waren es nur noch 3 km bis nach Andorra. Mobilfunk gabs dort nicht mehr. Ich hab mir dort in aller Ruhe Kartoffeln gekocht, Zelda gespielt, gelesen, gechillt … und Vorräte dagelassen: auf den nächsten Besucher warten zwei Packungen Spagetti und eine Dose Instant Kaffee.

Mein Plan war dann zunächst, weiter der Küstenlinie am Atlantik zu folgen, um später über die Niederlande oder Belgien nach Deutschland einzureisen. Frankreich hat es in der Corona Zeit so geregelt, daß man nur zu Arzt Terminen, zum Supermarkt oder nicht vermeidbarer Arbeit unterwegs sein durfte – ausserdem zu familären Zwecken, was mit dem Reisezweck „Rückreise in die Heimat nach Deutschland“ Richtung Osten abgedeckt wurde.

Daher war es eine täglich wieder kehrende Aufgabe, die passenden Dokumente auszufüllen und unterschrieben dabei zu haben.

Das auszufüllende Dokument, warum man unterwegs ist.
Tim und Struppi heißt in Fankreich Tintin, hier ein leicht abgewandeltes, „aktualisiertes“ Plakat

Am Atlantik angekommen sollte ich allerdings feststellen, daß hier sprichwörtlich ein anderer Wind wehte. Es ging nicht nur darum, die Bewegung der Bevölkerung zu kontrollieren. Ausser der Öffentlichkeit waren die Strände gesperrt und das wurde auch stramm kontrolliert. Vorbei die chillgen Zeiten, in denen man sich einfach auf einen Parkplatz stellen konnte, um den Tag abzuwarten und eventuell ein, zwei Ausflüge allein zu unternehmen, unbemerkt. Die Schranken der Parkplätze waren unten, der Strand wurde von Hubschraubern im Tiefflug überflogen und auf egal welchem Parkplatz war im Rhythmus von 4 bis 6 Stunden die Gendarmerie für Kontrollen unterwegs – und um die Leute anzusprechen.

Der Kontakt war stets freundlich, auch weil klar war, daß ich als Durchreisender unterwegs bin und nicht als renitenter Dauercamper. Aber mehrfach vom gleichen Team angesprochen zu werden wollte ich nicht riskieren. Eine ganz gute Strategie war es, sich zur Übernachtung im Wald komplett unsichtbar zu machen oder (verschärfte Variante) sich auf einen geschlossenen Campingplatz zu mogeln z.B. in den selten abgesperrten Entsorgungsbereich oder auf den Parkplatz für Neuankömmlinge. Dorthin ging der Blick der Ordnungsmacht nicht so und der Stellplatz war oft zusätzlich hinter ein paar Hütten.

Eines der seltenen Lager in den Dünen, am Atlantik. Der Strand war gesperrt und definitiv nicht zugänglich.
Die einzigen Muscheln, die ich zu Gesicht bekommen sollte, haben leider andere Strandbesucher gefunden. Trotzdem eine schöne Erinnerung

Nach ein paar Tagen Katz und Maus Spiel inklusive weiter geschickt werden wollte ich mein Glück nicht weiter herausfordern. Ich hab mich dann Richtung Osten aufgemacht – und werde zum Atlantik zurück kehren, wenn dort wieder Normalität eingekehrt ist. Ganz so einfach versteckt man einen ex-Militär LKW dann doch nicht und im Gegensatz zu den Pyrenäen war es nicht möglich und wurde auch nicht toleriert, sich einfach so einen stillen Platz zu suchen und dort zu bleiben.

Ich weiß, daß einige Reisende während der Corona Krise in Frankreich kalte Füße bekommen haben. Ich kann das gut verstehen: viele hatten keine Lust auf Experimente und wollten z.B. von Spanien oder Marokko aus einfach nur nach Hause. Die meisten haben sich dann für die vermeintlich schnelleren , aber sehr teuren Maut Autobahnen entschieden, um dann zusätzlich (mit viel zu kleinem Tank) an den Tankstellen mit Diesel Preisen um die 1,60 Euro herum abgezockt zu werden. Ich bin dagegen Landstrasse gefahren, diese waren leer gefegt. Wenn sowieso kaum jemand unterwegs ist, ist es rausgeschmissenes Geld, anstatt auf der leeren Landstrasse auf der genau so leeren Autobahn zu fahren. Schon gar nicht, wenn man sowieso nur 80 km/h fährt.

Komplett verlassene Landstrasse mit Corona Infotafel. Mir sind auf 250 km oft nicht mehr als 30 bis 50 Fahrzeuge entgegen gekommen.

Man ist kaum schneller unterwegs, dafür aber um einiges teurer und die Autobahn ist ohne Abwechslung. In Frankreich sind die Tankstellen der Supermärkte am günstigsten, da habe ich zum Schluß für unter 1,20 Euro nachgetankt, um gerade so mit fast leerem 300 Liter Tank bis nach Luxembourg zu rollen. Kostenpunkt für den Diesel in Luxembourg: 0,83 Euro. Fast die doppelte Menge Diesel fürs gleiche Geld, wenn man es mit den teuren Maut Autobahntankstellen vergleicht.

Ein Höhepunkt auf meiner Rückreise war der Halt in Vezelay.

Die Kathedrale dort auf dem Bergrücken ist ein Ausgangspunkt für Wallfahrten und normalerweise ein touristisches Highlight. Während der Corona Krise war die Kathedrale jedoch komplett verlassen und ich der einzige Besucher dort. So bin ich stundenlang barfuß durch die Kathedrale geschlichen, um alles in Ruhe zu betrachten und den Raum auf mich wirken zu lassen. Die einzigen Geräusche dort waren der Wind und der leise aufs Dach und durch die Regenrinnen tropfende Regen.

Die verlassene Kathedrale von Velezay. Tür war auf.
Ein paar der weggeräumten Stühle hatten sich einzene Besucher wieder hingestellt, Messen fanden jedoch nicht statt. Alleine durch dieses riesige Bauwerk zu schleichen war ganz sicher nur während der Corona Krise möglich.
Die kleine Kapelle rechts von der Kathedrale. Dort ist eine schon sehr betagte Nonne eingenickt. Da der gesamte Gebäudekomplex verlassen und ohne weitere Besucher war bin ich vermutlich der einzige, der das bemerkt hat.

So ein Besuch dürfte einmalig und eine Widerholung ausgeschlossen sein. Denn beim nächsten Mal müßt man für das gleiche Erlebnis nochmal alle Stühle rausräumen und 400 bis 500 Gläubige bitten, für eine Stunde draussen zu warten und leise zu sein – wohl kaum realistisch.

Mir ist erst später klar geworden, was für ein unglaubliches Glück ich an diesem Tag hatte.

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