LKW fahren, wenn man überhaupt nicht LKW fahren kann

Mein klassischer Führerschein der Klasse 3 gestattet es, sich in einen 7,5 Tonner LKW plus Anhänger zu setzen und damit loszufahren. Damit ist nicht gemeint, daß man dazu befähigt ist, mit so einem Gefährt umzugehen und inzwischen ist der Staat auch vorsichtiger geworden und vergibt die erste Fahrerlaubnis nur noch bis 3,5 Tonnen.

Ich hatte mich, mit den Nummernschildern unter den Arm geklemmt, in einen Zug gesetzt, um diese am Ziel angekommen an einen blind erworbenen
ex-Militär T244 LKW zu schrauben und loszufahren. Eine interessante Erfahrung, denn unübersehbar war alles anders, wie ich es von meinem Auto gewohnt war. Vom PKW auf einen LKW umzusteigen ist eine der wenigen Möglichkeiten, mitten in Deutschland einen Kulturschock zu erleiden. Während einem die ganzen LKW’s auf der Autobahn bislang lästig erschienen sind, hat man schlagartig Respekt vor diesen Fahrzeugen und den Menschen, welche diese steuern. Und ausserdem fallen einem lauter neue Verkehrsschilder auf, die man bislang nicht beachtet hat.

So hab ich (als PKW Lenker) es erlebt:

1) die Abmessungen

Ein LKW füllt mit seiner Breite die ganze Strassenhälfte aus, nach links und rechts ist kaum Spiel. Daher sind perfekt eingestellte Seitenspiegel wichtig, einen Rückspiegel gibt es ja nicht. Ich schaue viel öfter in die Seitenspiegel als
im PKW. Dafür ist die Übersicht in meinem T244 sehr gut. Die hohe Sitzposition ist ein Vorteil gegenüber einem Auto und ich habe keine Motorhaube vor mir.

Wenn keine Rückfahr Kamera vorhanden ist, würde ich Parkmaneuver als LKW Neuling aber nur zu zweit machen.

Die Strasse, in der ich wohne, ist wirklich total eng und zugeparkt. Mir hat das Angst gemacht: was ist, wenn plötzlich eine Baustelle aufmacht oder irgend jemand parkt blöd ?

Dann hab ich etwas ganz alltägliches beobachtet, was mich beruhigt hat. Ich hab vom Fenster aus ein Müllauto in meiner Strasse bei der Arbeit beobachtet, geschätzt ein 14 Tonner. Plötzlich war mir klar: wenn der das täglich bewältigt, hier in diesem engen Gewühl in Hannover, kannst du das auch. Dein Fahrzeug ist ja viel kleiner. Allerdings fährt bei uns das Müllauto in zwei enge Seitenstrassen hier bei mir auch nur Rückwärts hinein. Etwas Umsicht und Planung ist daher angebracht.

2) die Höhe

Mein LKW ist exakt 3,55 Meter hoch. Damit passiere ich praktisch alle Brücken in Deutschland, die selten unter 3,60 sind. Meist haben die Brücken hier 3,80 oder 4,20 Meter. Aber es gibt tatsächlich Brücken mit 3,40 Meter, speziell im Ausland – oder Tunnel Röhren, wo ich nicht durchpasse. Die eigene Höhe sollte man daher genau im Kopf haben, bevor man losfährt. Am Steuer eines Autos muss man dagegen niemals wissen, wie hoch der eigene Bolide ist.

3) so ein LKW ist kein Sportwagen

Am besten geht man alles mit Gleichmut an und akzeptiert, daß dieser Berg von 7,5 Tonnen sich langsamer in Bewegung setzt als ein 911er Porsche, der auch noch doppelt so viel PS hat. Es hilft zu akzeptieren, daß man nie schneller als 80 km/h fahren wird und eine Plattform bugsiert. Am Anfang hab ich mich immer gestresst gefühlt, weil es mir gefühlt nicht schnell genug voran ging oder ich mich im Stadtverkehr an der Ampel zu träge fühlte. Es hilft, den LKW als Plattform zu akzeptieren und für eine Wegstrecke grundsätzlich doppelt so viel Zeit einzuplanen, wie mit einem PKW.

Als Belohnung kann das Reisen viel entspannter sein als mit einem PKW. So war es für mich eine sehr angenehme Erfahrung, ruhig mit dem LKW auf der Autobahn mit 80 stundenlang durch die Nacht zu fahren. Unter mir tuckerte der zuverlässig und ruhig laufende Motor, eine zuverlässige Maschine, ich hatte das Dachfenster auf und etwas Musik an. Nachts ist die Sicht eigentlich eingeschränkt. Im Auto muss man Nachts viel aufmerksamer sein und man sieht wegen der niedrigeren Sitzposition viel später als im LKW, was vor einem los ist.

Ich weiß, daß viele LKW Besitzer ihr Reisefahrzeug wieder verkauft haben, um z.B. auf einen Campingwagen umzusteigen. So ein Campingwagen fährt mit 120 km/h rund 50% schneller als ein LKW. Das macht sich auf langen Strecken natürlich bemerkbar. Für mich war aber immer der Weg bereits ein Teil der Reise. Anstatt in einer Gewalttour 12 Stunden lang durchzufahren, hab ich am Strand von Dänemark übernachtet. Auf dem Weg von und nach Dänemark / Norwegen haben wir mehrmals auf einem Campingplatz am Bistensee halt gemacht, um den Tag mit einer Paddeltour auf dem See zu beschließen.

4) neue Verkehrsschilder

Mir kam es anfangs so vor, als hätte jemand in meiner Stadt mitten in der Nacht neue Verkehrsschilder aufgestellt. Nun ja, ich hatte sie als PKW Fahrer schlicht und einfach bisher nicht wahrgenommen und ausgeblendet. Nun waren da plötzlich:

– nur bis 7,5 T Gewicht
– LKW Verbot
– LKW Überholverbot
– keine Wendemöglichkeit für LKW
– nicht schneller als 60, für LKW
– Höhe der Durchfahrt 3,60 Meter

Mit so einem 7,5 Tonner und unter 3,60 ist man dabei noch fein raus, die meisten Verbote beziehen sich auf Fahrzeuge darüber. Auch wenn es einem anfangs nicht so vorkommt und einem der Schweiss auf der Stirn steht: so ein 7,5 Tonner ist noch vergleichsweise kompakt und Warnhinweise wie „nicht für Gespanne geeignet“ oder „keine Wendemöglichkeit“ treffen normalerweise nicht auf einen zu. Sondern auf Gespanne mit Anhänger mit deutlich über 15 Tonnen.

Ich hab mir dann eine App „LKW Führerschein“ installiert, um etwas Fahrschul Nachhilfe zu nehmen und auf den neuesten Stand zu kommen.

5) Gefälle

Auf Strecken mit starkem Gefälle fängt das Fahrzeug schnell an zu schieben und ehe man sich versieht, fährt man in den Kasseler Bergen 110 km/h oder im Harz auf einer kurvigen Landstrasse den Berg hinunter 70 km/h. So einen LKW bremst man auch nicht so einfach ab wie einen PKW. Auf einer Strecke mit Gefälle sollte man möglichst nicht auskuppeln, weil der schwere LKW dann sofort anfängt zu schieben. Besser ist es, rechtzeitig in einen niedrigeren Gang zu schalten, daher mit dem Motor zu bremsen und diesen mit der Fussbremse zu unterstützen. So hab ich wirklich derbe Gefälle Strecken in Norwegen bewältigt mit 10% – 15%. Als wir unten waren, hab ich aber trotzdem erst Mal alles abkühlen lassen. Auch das gehört meiner Meinung nach dazu: dem Fahrzeug Ruhe gönnen, wenn es hart gearbeitet hat und in der Pause überprüfen, ob eventuell ein Reifen oder eine Bremse heisser ist als andere. Ich persönlich laufe sehr oft um meinen LKW herum um zu überprüfen, ob sch irgend etwas verändert hat. Sieht ein Reifen anders aus, ist eine Seite wärmer als die andere und so weiter. 

Eine uralte LKW Fahrer Weisheit ist, den Berg so schnell runter zu fahren, wie man rauf gefahren ist.

Strecken mit starker Steigung sind dagegen kein Problem: im Zweifelsfall fährt man dort einfach geduldig im dritten Gang mit 40 km/h hoch. Nur zwischendurch anhalten oder schalten sollte man möglichst nicht. Lieber langsam und ohne Hektik im gleichen Gang langsam nach oben. Die Schlange der hinter einem herschleichenden Autos läßt man dann an einer geeigneten Parkbucht passieren. In der Regel sind die Autofahrer geduldig: die sehen ja, daß man ein dicker Elefant ist und nicht schneller kann. Also keine Panik (und machen können die Leute eh nichts).

6) Druchluftbremsen

LKW’s haben meist eine Druckluftbremse, keine Hydraulik. Beim T244 ist es so, daß die Bremsbacken in der Trommelbremsen anliegen und das Fahrzeug blockieren, wenn das Fahrzeug keinen Druck hat. Wenn man den LKW startet, dauert es möglicherweise erst Mal etwas, bis der Druck komplett aufgebaut ist und die Bremsanlage funktioniert.

Es bremst sich ein klein wenig anders, da die Bremswirkung nicht mehr durch den Druck auf das Bremspedal aufgebaut wird, sondern durch den Weg des Pedals.

7) Getriebe

Moderne Getriebe synchronisieren die Gänge und beim PKW kann man blitzschnell schalten. Das ist beim LKW alles langsamer. Die Zeiten, in denen man Zwischengas geben mußte, sind zwar inzwischen vorbei. Das findet man wirklich nur noch bei historischen Fahrzeugen. Trotzdem arbeitet ein LKW Getriebe viel langsamer als ein PKW Getriebe. Wenn ich einen Gang wechsle, drücke ich diesen daher nicht einfach mit Gewalt rein, sondern „biete“ dem Getriebe den Gang an. Dann dauert es einen kleinen Moment, bis das Getriebe den Gang „annimmt“. Beim schalten vom dritten in den vierten Gang ist vor dem einlegen beispielsweise ein kleiner Widerstand. Wenn man kurz wartet, hat das Getriebe synchronisiert, der Widerstand verschwindet und der Gang flutscht rein.  

8) im zweiten Gang anfahren

Bei meinem LKW fahre ich immer im zweiten Gang an. Ich vermute, bei allen Fahrzeugen, die für schweres Gelände ausgelegt sind, ist das so. Der erste Gang wird eigentlich nur verwendet, wenn man im losen Sand anfährt oder in einer Steigung anfahren muss oder einen Anhänger hat.

Wenn man diese Punkte berücksichtigt, sollte es gut gehen. Mein Rat wäre, Anfangs nicht im Dunkeln LKW zu fahren. Daher, auch grundsätzlich niemals im Dunkeln einen Parkplatz oder Stellplatz zu suchen.

Am besten bekommt man als LKW Neueinsteiger auf der Autobahn ein Gefühl für seinen Laster. Dort ist erkennbar viel Platz, man tuckert eventuell erst Mal mit 75 dahin und es ist beruhigend zu sehen, daß noch viel größere Fahrzeuge mit einem unterwegs sind.

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