Traudich

Sonntag: das Kind will zum Lasertag gefahren werden, Geburtstagsfeier. Ich  lade mein Fahrrad ins Auto. Anstatt dort vor dem Lasertag Center zu warten oder wieder nach Hause zu fahren – schaue ich mir lieber die Gegend an. Der Weg wird dem Zufall überlassen, ich gelange zum Messegelände. Dort läuft gerade die Hochzeitsmesse „Traudich“.

Zur Zeit wüßte ich zwar niemanden, der mich heiraten will, aber die dazu passende Show will ich mir nicht entgehen lassen. Im casual style (Outdoor Jägerjacke, Arbeitshose, Sandalen) gehts in die festliche gestaltete Messehalle. Ich bekomme prompt etwas Rabatt, weil das Team an der Kasse offenbar nur für vereinzelte Spontanbesucher wie mich da ist. Ich bin der einzige, der überhaupt nach einem Ticket fragt. Vielleicht hatten sie auch schlicht Mitleid mit mir. Alle anderen Besucher scheinen jedenfalls über irgend eine online Rabatt Aktion oder Invites an eine Eintrittskarte rangekommen zu sein und spazieren mit einem mitgebrachten Ticket einfach so durch den Checkpoint hinein.

In der Halle kann man jede Dienstleistung bestaunen und buchen, die mit der eigenen Hochzeit und dem schönsten Tag im Leben (einer Frau) zu tun hat. Die meisten Männer sind auf so ein Spektakel vermutlich nicht unbedingt versessen und ganz richtig ist die Verteilung Mann / Frau auf der Messe auch locker 20 zu 80. So im Mittelpunkt zu stehen wär auch nicht mein Ding. Die Farbe Magenta überwiegt und ich habe Schwierigkeiten, ernst zu bleiben. Anbieter von Hochzeits Torten reihen sich an Verkäufer von Hochzeits Ringen, Hochzeits Fotografen, Hochzeits Planern, Hochzeits Eventmanagern, Planern von Livemusik / DJ, noch mehr Brautmode, Location Scouts, festlicher Abendgarderobe, „dem speziellen Auto“, Rechtsberatung / Ehevertrag und Catering. Das alles in Weiss, Plüsch, ins Auge stechendem Magenta und mit vielen Rüschen und Verzierungen überall. Diese Messe ist einer der merkwürdigsten Orte, an dem ich jemals war.

Grob geschätzt wird man für das Kleid, den Ring, das Foto, das spezielle Auto und seine hungrigen Gäste an diesem besonderen Tag so um die 25.000 bis 50.000 Euro los – schade, daß man das passende Wetter noch nicht kaufen kann. Und zu dem total cost of ownership der Heirat kommt mit einer Wahrscheinlichkeit von 50% noch der Scheidungsanwalt dazu, aber Vertreter dieser Zunft hätten auf der Traudich nicht ins Bild gepaßt und waren folglich auch nicht vertreten.

Ist für zwei Menschen, die sich gern haben, eine so exakt geplante Inszenierung notwendig ? Was beweist man sich damit oder anderen ? Besiegelt man mit diesem enormen Aufwand, der ja auch eine richtig solide Verschuldung bedeuten kann, wirklich einen Bund fürs Leben ? Oder geht es hier nur darum, einen unbeschwerten Tag zu haben, mit einer entspannten Feier ohne Sorge um die ganze Organisation ?

Mir fällt dazu eine Geschichte ein, die mir mein Vater einmal erzählt hat. In seiner Heimat Ostfriesland war es demnach üblich, bei einer Grenzsteinlegung ein Kind a) ordentlich zu verprügeln und b) ihm gleichzeitig einen Gugelhupf nur für ihn allein zu schenken. Das Kind konnte sich daher auch Jahre später noch im Erwachsenenalter an den genauen Ort des verbuddelten Grenzsteins, die Schmerzen und die Freude über den leckeren Kuchen erinnern.

Ob es bei dem Heirats Ding so ähnlich ist ? Man macht etwas extremes und finanziell sehr schmerzhaftes und zementiert damit für alle Zeiten den gemeinsamen Bund, um sich für immer daran zu erinnern.

Bei den Gästen schwankt die Stimmung zwischen klaustrophobisch nett, es geht ja um den ganz einzigartigen Tag, vor allem bei den Pärchen und Leuten wir mir, die irgendwie geplättet sind. Sicherlich ist auch Neugier bei den meisten Besuchern ein Grund herzukommen. Man staunt sich von einem Stand zum nächsten und die Brautdichte ist enorm auf diesem Heirats Jahrmarkt. Die Aussteller sehen es teilweise erstaunlich erfrischend. So hab ich mich etwas länger mit einem Veranstalter von (eigentlich) Firmen Events unterhalten. Er hat sofort  zugegeben hat, daß der Heirats Business ein riesen Geschäft ist, das Geld sitzt lockerer als bei den teils klammen Firmen und entgehen läßt man sich das daher nicht. 

Anbei Mal ein paar Bilder:

 

Nach zwei Stunden hat man eigentlich alles gesehen. Wer sich jedoch Zeit läßt und mehrere Beratungen braucht, kann dort auch den ganzen Tag verbringen. Für mich ging es anschließend wieder raus in den herbstlichen Nieselregen. Um das vorm Lasertag wartende Kind in den original US army Humvee (ohne einen einzigen Flecken pink daran) zu verladen und nach Hause zu fahren.