Ein Keks für 4$. Warum die Gäste in Las Vegas weg bleiben.

Ich bin ein paar Tage in Las Vegas, dem kapitalistischen Ultra Konzentrat von Amerika, dick mit Zucker bestreut. Tatsächlich war ich vor etwa 25 Jahren schon einmal in dieser abwechslungsreichen Stadt. Damals gab es spektakuläre Attraktionen wie einen künstlichen Vulkan oder die Piratenschlacht mit echten untergehenden Schiffen vor dem Treasure Island, was ich noch in lebhafter Erinnerung habe.

Das alles ist Vergangenheit, die Hotels & Attraktionen von damals wurden durch glitzernde, moderne Glasbauten ersetzt. Und es gibt auf dem Strip neue, unverschämte Preise.

Eigentlich ist der Dezember in Las Vegas eher ruhig, weshalb ich mich dazu entschieden hatte die Glitzer und Glückspielstadt in diesem Zeitraum zu besuchen. Aber so ruhig ? Wie wenig in den Casinos los war hat mich arg überrascht.

Leere Bar mit überteuerten Preisen in Las Vegas ohne Touristen
Eine leere Bar im Strat, Las Vegas. Hier sollte ein 16oz Bier (entspricht knapp 0,5L) 10 $ kosten.

Ich dachte immer, Norwegen wäre das Land mit den weltweit höchsten Preisen für Alkohol. Aber Las Vegas übertrifft es tatsächlich, wenn man sich in einer „angesagten Bar“ betrinken möchte. Nur dass hier niemand mehr hingeht, im Gegenteil. Mir sind viele Besucher aufgefallen, die eine Dose Bier von der Tankstelle oder 7-eleven in der Hand hatten.

Einkaufspassage im Conrad Las Vegas mit lustigem Smilie
Menschenleere Einkaufspassage im Conrad, Las Vegas.
Leere Stühle in einer Bar im Strat Tower Las Vegas
Zwei Gäste im Strat Tower, die einen Barman beschäftigen und offensichtlich vor allem hier sind, um das Handy zu laden.
Blick vom Strat Tower auf den Strip Las Vegas
Blick auf Las Vegas, vom Strat Tower aus.

Gut für mich war natürlich, dass ich weder Gedränge noch Wartezeiten hatte. Und es haben sich interessante Begegnungen ergeben.

Eigentlich sollte die Auffahrt 26,95$ kosten, aber als ich meinen eRoller für 5$ Trinkgeld am Bell Desk abgegeben hab haben mir die Leute dort einen 15$ Gutschein für den Fahrstuhl geschenkt. Was für einen sparsamen Blick am Ticket Office gesorgt hat. Dort hatten sie mir zuvor noch erzählt ich solle besser online reservieren, um auf jeden Fall zeitnah einen der wenigen Plätze (?) zu ergattern.

Oben war jedoch alles leer und vor dem Fahrstuhl warten musste ich auch nicht.

Leerer Arcade Bereich mit verlassenen Spielautomaten
Im leeren Arcade Bereich. Die Spielautomaten sind unter sich.
Karaoke Bar ohne Besucher
Verlassene Karaoke Bar
Leere weihnachtlich geschmückte Bar
An einer weihnachtlich geschmückten Bar, ohne Besucher.

Die Preise in Las Vegas sind eine Frechheit. Mann muss schon reichlich verblödet oder zumindest halb verhungert sein, um für ein Hähnchensandwich 17$ auszugeben. Oder für einen Keks zum Kaffee 4$. Wirklich nur ein kleiner Keks. Im Supermarkt gibt es eine ganze Tüte Kekse für weniger als 4 Dollar.

Enshittification of Las Vegas

Der Begriff Enshittification (Wikipedia) wurde durch Cory Doctorow geprägt, einem visionären Science Fiction Autor aus Kanada. Diese These beschreibt eine zunehmende Verschlechterung vor allem von Online Plattformen, nachdem eine ausreichende Anzahl von Nutzern an Board ist und die Konkurrenz die Segel gestrichen hat. Ist die kritische Masse einmal überschritten wird das Angebot monetarisiert. Daher: so unattraktiv gestaltet, dass eine Benutzung ohne teures Abo oder massenhaft Werbung nicht mehr möglich ist. Gleichzeitig sind immer noch genug Benutzer vorhanden, um das Geschäft am laufen zu halten. Idealerweise gibt es keine Alternativen mehr, weil sich alle potentiellen Kunden auf eine Plattform geeinigt haben.

Ein typisches Beispiele ist Google, wo Restaurant und Hotel Werbung zu den unpassendsten Suchanfragen auftaucht. Oder Dating Plattformen, die anfangs eine erfolgreiche Partnervermittlung betrieben haben, um dann für die Benutzer auf ein überteures Abo zu wechseln. In der zweiten Phase mit Abo sollen die Leute die Plattform am besten gar nicht mehr verlassen (=erfolgreiche Partnervermittlung), sondern möglichst lange am Ball gehalten und finanziell ausgenommen werden.

Ein ähnlicher Strategiewechsel liess sich bei Komoot und iOverlander beobachten. Dort wurden die mühevoll über Jahre hinweg gratis durch die User zusammen getragenen Standorte & Wegbeschreibungen den gleichen Benutzern als teures App Abo zurück verkauft.

Insbesondere wenn Investoren einsteigen ist die Enshittification nicht weit und in Las Vegas lässt sich meiner Meinung nach genau das beobachten.

Werbeschild für ein Foto mit dem Weihnachtsmann für 45$
Ein Foto mit dem Weihnachtsmann ? 45$
Haifisch T-Shirt was 75$ kosten soll
Netter Versuch: ein Haifisch T-Shirt im Shark Rif Gift Shop vom Mandalay Bay Hotel: 75$

Las Vegas hat sich im Laufe der Zeit von einer reinen Glückspielautomaten Stadt (erste Phase) zunächst in eine Stadt mit familienorientierten Entertainment verwandelt. Diese zweite Phase lässt sich in etwa auf den Zeitraum 1985 – 2000 festlegen. Damals entstanden Casino Themen Resorts wie Caesars Palace, Mirage, Excalibur, New York New York oder das Las Vegas Paris.

Man konnte im Venetian auf gechlortem Wasser Gondel fahren, ohne die USA jemals Richtung dem echten Venedig verlassen zu müssen. Ebenso wurde er Eifelturm von Paris nach Las Vegas geholt, zusammen mit einer kleineren Kopie der Freiheitsstatue aus New York. Buffets waren günstig, um die Leute anzulocken.

So hatte ich Las Vegas vor ca 25 Jahren kennen gelernt und mit Staunen betrachtet.

Heute, in der dritten Phase, gehört der Strip mit seinen Hauptattraktionen fast vollständig zwei Unternehmen: MGM und Caesars Entertainment. Die modernen Hotelkomplexe sind jedoch eher für Besucher von Firmen Konferenzen oder Fachmessen ausgelegt, weniger für Menschen die einfach nur preiswert und aufregend Urlaub vom Alltag machen wollen.

Eine Auffahrt in den nachgebauten Turm vom „Paris Las Vegas“ ist ca 40$ teurer als beim echten Eifelturm von Paris.

Diese beiden Entertainment Konzerne teilen sich den Strip brüderlich, um die Touristen abzukassieren. Durch Marketing und massives Upselling (Wikipedia) fragwürdiger Leistungen. Ja, das Erlebnis Las Vegas ist immer noch toll, aber Preis / Leistung stimmt hier schon lange nicht mehr.

Defekter Spielautomat in Las Vegas der wirre Grafiken anzeigt
Las Vegas Strip = so kaputt wie dieser Spielautomat

Attraktionen wie das einstmals ägyptische Luxor Las Vegas haben sich in schlechte Motel 8 Kopien in Paramidenform verwandelt. Auf den überteuerten Preisen sind überall die Fingerabdrücke von Unternehmensberatern wie McKinsey drauf.

Die gleichen Leute, die dafür gesorgt haben, dass es in Flugzeugen Economy, Economy+ und Economy Premium upselling gibt, wo man für einen Platz am Notausgang oder dem Gang trotzdem noch einen Aufpreis bezahlen muss.

Menü einer Pizzeria in Las Vegas wo eine Pizza Margherita 43$ kostet
Eine Pizza Margherita, auf der nichts drauf ist ausser Tomatensauce mit Kräutern & Käse: 43$

Es gibt natürlich immer noch genug Touristen, die bereit sind das mit zusammengebissenen Zähnen zu bezahlen. Asiatische Reisegruppen, Geschäftsleute oder Neureiche. Dabei ist die Qualität der Lebensmittel wirklich schlecht. Selbst die teuersten Restaurants servieren Produkte der Systemgastronomie von US Foods oder Sysco, die morgens um 4:00h geliefert werden. Das ist einfach nur Aufbackware, wo eine Pizza mit Getränken, Kaffee Americano, Dessert, Tax und Tips dann 120$ kostet.

Dafür könnte man in Europa problemlos in einem Spitzenrestaurant mit Michelin Sternen speisen. Die Touristen glauben jedoch, sie hätten ein ganz besonderes Erlebnis gehabt. In Wirklichkeit sind sie einfach nur mit Produkten der Systemgastronomie – abgespeist – worden.

Tipp von mir: achte bei deinem Besuch darauf, ob auf der Rechnung eine CNF Gebühr auftaucht. Das ist eine ausgedachte Service Gebühr, die keine Grundlage hat. Bitte darum, diese imaginäre CNF Steuer von der Rechnung zu entfernen, zahle exakt was du konsumiert hast und gib 0 $ Tip, falls dir das passiert.

Roulette mit grüner Null und grüner Doppel Null
Noch so ein Ding: Roulette Tische mit zwei grünen Nullen. 0 und 00, es soll sogar Tische mit 000 geben.

Das ist aber Pech für Glückspieler, die immer nur auf rot/schwarz setzen ! Ein massiver Vorteil für das Haus.

Ergebnis des ganzen ist jedenfalls, dass Besucher abgeschreckt werden. Früher oder später wird sich der aktuelle Kurs bitter rächen und schon jetzt bleiben viele Restaurants & Casinos leer. Regen Besucherandrang hab ich eigentlich nur noch am Wochenende und in den wirklich angesagten, neuen Hotel Resorts wie dem Fontaine Bleu gesehen.

Wer sich verwöhnen lassen will wird vermutlich beim nächsten Mal eine all-inklusive Kreuzfahrt buchen oder nach Reno oder Florida ins Casino fahren.

Dazu kommt, dass wegen der von Donald Trump losgetretenen Streitigkeiten zwischen Kanada und den USA eine signifikant wichtige Besuchergruppe fehlt. Die Kanadier reisen nicht mehr in die USA und meiden amerikanische Produkte / Dienstleistungen konsequent.

Preisvermeidung in Las Vegas, als Camper

Ich hab bei dem ganzen Preiswahnsinn jedenfalls nicht mitgemacht. Jemand, der seinen LKW für über 5000 Euro nach Nordamerika verschifft hat könnte es sich selbstverständlich leisten, für 100 Euro essen zu gehen. Aber es wäre völlig unmöglich für mich, angesichts dessen unbeschwert eine Mahlzeit zu geniessen. Vor allem wäre ich in Sorge, dass sich das Küchenpersonal über mich kaputt lacht.

Eigentlich geh ich gern ins Restaurant. Aber wenn es allgemein zu teuer ist gebe ich mich lieber mit einem günstigen Snack zufrieden – oder koche mir selbst etwas. Ich mag es, sparsam zu sein. Das schont meine Ersparnisse, von denen ich gerade lebe und so hab ich mehr Geld, um langfristig noch mehr in der Welt herum zu reisen.

Kein Geld verschwenden für überteuertes Futter = mehr Reisetage / Qualitätstage für mich.

Ich hab satte drei Wochen in Las Vegas verbracht. Falls du noch einen Tipp suchst: im Kings Row RV Park am Boulder Highway hab ich sparsame 154$ pro Woche bezahlt. Leider mit etwas Flugzeuglärm, kein WLAN, aber ansonsten sehr ruhig. Vor der Tür ist eine Bushaltestelle, um für 6$ direkt in die Innenstadt zu kommen. 150$, das geben andere pro Tag für ein kleines Hotelzimmerchen aus.

Rechnung aus einem McDonalds Franchise über ca 5$ für zwei Doppel Cheeseburger
So gehts doch auch: 2x Double Cheeseburger aus der Systemgastro für 5$. Sogar mit Tischservice.
Preislich reduzierte Heisse Hähnchen Teile aus dem Smith Supermarkt
Noch eine Möglichkeit: die Supermarktkette Smith reduziert ab 20:00h die Preise für die Leckereien aus dem Deli Bereich …
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