Point Roberts hab ich eher zufällig entdeckt. Ich war soeben von Seattle kommend nach Kanada eingereist. Um betrübt festzustellen, dass es in Vancouver keine vernünftige Gelegenheit gab irgendwo mit dem LKW zu übernachten. Die Campingplätze hatten noch geschlossen, waren zu teuer oder lagen viel zu weit draussen, um Vancouver mit der Bahn zu erreichen. Street Camping wollte ich in Vancouver so kurz vor der Rückreise nach Europa nicht riskieren.
Point Roberts ganz in der Nähe von Vancouver hatte dagegen einen Campingplatz direkt am Meer, aber was war das ? Der lag auf einem merkwürdigen Zipfel USA, unterhalb von Vancouver. Dafür jedoch gar nicht weit vom Flughafen entfernt.
Ich bin daher kurzentschlossen am gleichen Tag meiner Einreise nach Kanada wieder ausgereist, um auf dem Landweg nach Point Roberts (USA) einzureisen. Mit der vollen Grenzprozedur: Reisepass, Visum check, Befragung. Auf eine Inspektion der Kabine und die Prüfung meiner Geldmittel haben die US Grenzer diesmal allerdings verzichtet. Aus praktischen Gründen, Point Roberts ist mit 12m² wirklich übersichtlich, verstecken kann man sich hier schlecht.
Die kleine Grenzstation von Kanada nach Point Roberts USA stellt den einzigen Übergangspunkt für Fahrzeuge dar und lässt sich als „overall easy“ bezeichnen. Die Beamten prüfen zwar alles genau so wie an einer der grossen Grenzübergängen und haben natürlich ihre Vorgaben, sind aber eher locker drauf.

Ich hab mich daraufhin auf den angrenzenden Marine Park Parkplatz gestellt, direkt am Meer. Es hat keiner etwas gesagt. Im Gegenteil: die Leute haben sich sehr über etwas Abwechslung gefreut und mich oft angesprochen. Das Klo vor Ort war auf, es gab Wasser und im Notfall sogar 120 Volt – mehr brauchte ich nicht.
Was kann man im abgelegenen Point Robert so alles unternehmen ?
Auf den ersten Blick nicht viel. Es gibt einen Supermarkt, diverse Tankstellen und Schnapsläden, einen Campingplatz, den Hafen, drei Restaurants und einen Polizisten. Die geografische Besonderheiten der Grenze zwischen Kanada und den USA ist ziemlich interessant, aber am häufigsten fotografiert man den Sonnenuntergang am Meer.
Das kleine Point Roberts hat etwa 12 Quadratkilometer Fläche mit offiziell 1200 Einwohnern. Im Winter sind deutlich weniger da, im Sommer dafür zusätzliche Gäste. Im Ort gibt es mehrere Versand Unternehmen und solche, die Postfächer oder eine Paket Annahme anbieten. In dem man als Kanadier von Vancouver aus einfach nur in 30 min über die Grenze fährt lassen sich lästige Zollerklärungen und Abgaben umgehen.

Kaum etwas anderes zu tun als spazieren gehen – das war mir aber insgesamt ganz recht. Ich hab dort bis zum Abflug in Vancouver 4 sehr ruhige Nächte verbracht. Abends bin ich wunderbar mit Meeresrauschen eingeschlafen, um den Tag ausgeruht mit milden Entdeckungen & kontemplativen Spaziergängen zu verbringen.
Angenehmer Nebeneffekt: die gebuchte eSIM ging plötzlich wieder, denn ich war ja zurück in den USA.


Die Verkäuferin meinte, dass seit den durch Donald Trump ausgelösten Streitigkeiten mit Kanada keiner mehr kommt. Point Roberts wird weitesgehend boykottiert, obwohl Alkohol und Sprit deutlich günstiger sind als in Vancouver.


Ich hab die Demo eine Weile beobachtet. Aus Hupen oder fröhlichem Winken hab ich eine sichtbare Zustimmung von etwa 80% abgeleitet. Manchmal haben Autofahrer aber auch erbost Gas gegeben oder „den Finger“ gezeigt.

Udo, immer noch ein waschechter Kölner, hat in Point Roberts ein Grundstück mit Trailer. Er ist extrem viel in der Welt herumgekommen.







Von hier aus verläuft eine schnurgerade Grenz Linie etwa 2000 Kilometer bis zum Lake of the Woods in der Nähe von Winnipeg. Diese als „49th Parallel“ (Wikipedia EN) bekannte Linie bildet die längste, schnurgerade verlaufende und nicht militärisch gesicherte Grenze der Welt. Witzigerweise gibt es am Ende der geraden Grenz Linie mit dem Northwest Angle (Wikipedia) eine weitere Exklave der USA.
Weitere bewohnte Exklaven haben die USA nicht, wenn man mal vom riesigen Alaska absieht.
Hier eine Karte von Point Roberts:


Der Papa mit seinem Sohn (beide in rot, rechts) haben sich die Grenze von den USA aus angeschaut. Keiner hat es gewagt, die im Grunde nur virtuell existierende Grenze zu übertreten. Da waren allerdings auch Kameras.

Dazu haben wir uns an dem schräg stehenden Grenzpfahl getroffen.


Die beiden Spaziergänger haben auf der kanadischen Seite Halt gemacht.
Im Hintergrund sieht man bereits die Hochhauskulisse von Vancouver, Kanada.

Festgelegt wurde diese Grenze im Jahr 1846 durch den sogenannten Oregon Kompromiss, um das Oregon Territorium gütlich zwischen Kanada und den USA zu teilen. Dass diese schnurgerade Linie einen Teil der Halbinsel von Vancouver abschneiden würde wurde dabei vermutlich übersehen. So genau war das Kartenmaterial damals nicht oder der Zipfel wurde als unbedeutend betrachtet.
Sinn macht der Abstecher nach Point Roberts allerdings nur, wenn man so wie ich ein B2 Visum mit mehrfacher Einreise hat. Am ehesten: am Anfang vom Visum oder am Ende. Bei mir fingen die 180 Tage im September 2025 an, es verblieben daher noch ein paar Tage vom laufenden Zeitraum, die ich in den USA verbringen konnte. Das USA Visum lässt sich nicht unterbrechen. Point Roberts zu besuchen ist für Ausländer mit einem US B2 Visum daher nur praktikabel, wenn der Besuch zeitnah im 180 Tage Reisezeitraum liegt und mit einem Besuch der restlichen USA kombiniert wird.
Mit einem 90 Tage ESTA Visum, was pro Jahr eine einmalige Einreise in die USA ermöglicht ist ein Besuch von Point Roberts kaum sinnvoll. Damit ist Point Roberts für die meisten Europäer eine ziemlich abgelegene und kaum erreichbare Halbinsel. Ein exotisches Reiseziel, was sich allein durch die Praxis der Visa Vergabe durch die USA so ergibt.
Für mich war der Aufenthalt in Point Roberts am Ende von meinem Pazifik Road Trip (Artikel US 1 & 101) als vorläufiger Reiseabschluss perfekt. Ich hatte den Rückflug von Vancouver aus gebucht, der Truck sollte dort für ein paar Wochen untergestellt werden. Der preiswerte, bewachte „Long Time Value Parkplatz“ liegt genau 2 Metro Stationen vom Flughafen entfernt und ist in gerade einmal 30 Minuten von der US Grenze Point Roberts aus zu erreichen.
Mit dem Wetter hatte ich ebenfalls Glück. Obwohl es Anfang März war hatte ich viel Sonne und die Temperaturen waren tagsüber bereits zweistellig. An der Stelle kommt eine weitere Besonderheit von Point Roberts zum tragen: dieser Zipfel der Vancouver Halbinsel hat ein besonderes Mikroklima und mehr warme, sonnige Tage als Vancouver selbst.
Wenn es in Vancouver komplett bewölkt ist, scheint in Point Roberts oft die Sonne zwischen den Wolken hindurch. Tage mit Frost oder überhaupt strenge Winter Perioden sind hier selten.

Logistisch und um meinen Besuch in den USA entspannt ausklingen zu lassen war die Stippvisite in Point Roberts daher perfekt für mich.