Kulturschock Kanada – was denkt ein Deutscher über Land & Leute ?

Im Grunde genommen sind die gesellschaftlichen Unterschiede zwischen Kanada und Deutschland nicht riesig. Ich bin inzwischen seit mehreren Monate hier und habe sowohl Kanada – als auch die Kanadier – als unproblematisch und warmherzig kennengelernt. Kanada ist als Reiseland sehr sicher und günstig. Kulturelle Besonderheiten offenbaren sich eher in speziellen Situationen, auf die ich in dieser Reportage eingehen werde.

Zusätzlich zu den vielen Wohlfühl-Fakten gibt es bei mir ein paar harte Tatsachen über Kanada, zu denen du in anderen Blogs nichts lesen wirst.

#1 How do you do ?

Mit dieser Floskel zur Begrüssung hatte ich es zunächst schwer. In Deutschland wäre eine Frage danach, wie es einem geht sehr persönlich und an der Supermarktkasse oder Tankstelle ziemlich ungewöhnlich. Das war anfangs ziemlich verwirrend für mich und ich wusste nicht, wie ich reagieren soll. Dabei ist das „how do you do“ am ehesten als jugendliches „was geht ?“ zu verstehen und nicht als Aufforderung, von den eigenen Gefühlen oder Sorgen zu erzählen.

Inzwischen weiss ich, dass lediglich ein einfaches „fine, thank you“ oder „fine, and how are you ?“ erwartet wird und mach es daher richtig. Trotzdem ist es für mich als Deutscher immer noch sehr merkwürdig, so zu reagieren.

Nächste Umgewöhnung: öfter mal „hello …“ sagen. Die Kanadier gehen eher selten grusslos aneinander vorbei.

Einerseits ist das how-do-you-do eine von mir als oberflächlich empfundene Floskel, andererseits ist die Gesellschaft in Kanada viel offener und vor allem warmherziger als in Deutschland. Deutschland ist eine Industrienation und ein Einwanderungsland von Kulturfremden, das merkt man inzwischen an der Gesellschaft. Die sich gewandelt hat, im Gegensatz zu Kanada dominieren in Deutschland inzwischen Macho Maschen.

Ich hab in Halifax einmal eine junge Frau bemerkt, die mit einem Schild in der Hand vor einem Supermarkt um Geld gebeten hat. Kurze Zeit später hat sich die junge Frau mit offenbar freundlichen gesinnten Passanten unterhalten und ist dann verschwunden. Vermutlich wurde ihr in der Situation geholfen.

Meine Beobachtungen in Hannover oder Berlin …

In Hannover sitzen dagegen organisierte Bettlerbanden aus Osteuropa in der Innenstadt und melken ungestraft zusammen mit besoffenen Punks (die aber meistes nett sind) den lieben langen Tag lang die Passanten. Die packen erst ein, wenn keiner mehr da ist, der Geld hat. In Berlin wurde ich Zeuge, wie eine ältere Frau in der S-Bahn aggressiv versucht hat, eine junge Frau mit Kopfhörern von ihrer „Internetsucht“ zu befreien. Bis sich Passanten (unter anderem ich) eingemischt haben. Ich selber wurde in Berlin auf dem Rückweg von der US Botschaft in der S-Bahn etwa 5x dreist angebettelt …

Die grossen Städte wie Saskatoon, Calgary oder Vancover haben allerdings ein unübersehbares Drogen Problem. Teilweise mit offener Drogenscene, wie in einem Zombiefilm.

#2 Höflichkeit im Alltag, in Kanada

Die Kandier mögen keine Hektik. Noch nie hab ich erlebt, dass sich Menschen so oft grundlos entschuldigt haben, wenn sie – vermeintlich – im Supermarkt im Weg gestanden haben. Eine entspannte Lebenseinstellung, die mir sofort zugesagt hat. Ich hab es mir umgehend zu eigen gemacht, in jeder Situation ebenfalls ein kleines sorry, youre welcome, no no my bad, all good usw anzuhängen.

Mach das bitte auch, wenn du in Kanada bist. Noch ein Beispiel:

An einem Wochenende hab ich vor einem Walmart campiert, dieser öffnet am Sonntag um 10:00h. Vor den Türen haben die Kanadier um 9:45h eine Schlange gebildet. Eine Schlange – vorm Walmart – völliger Unsinn, denn innen verläuft sich ja sofort alles. Trotzdem wollte sich keiner vordrängeln. Bei uns in Deutschland geht es deutlich ruppiger zu. Mit viel mehr Hektik, so auch im Strassenverkehr. In Deutschland dominiert leider: ich, ich, ich …

Kanada hält bislang den Rekord für Leute, die höflich fragen ob sie meinen LKW fotografieren dürfen. Dabei steht der immer im öffentlichen Raum und selbstverständlich kann der fotografiert werden.

Es gibt einen wesentlichen Unterschied zwischen der Deutschen und der Kanadischen Mentalität: sich gegenseitig auf Vorschriften & Regeln aufmerksam machen ist in Kanada unüblich.

Ein Beispiel ? In hab in Drumhellir auf dem Walmart Parkplatz gestanden und an meinem Blog gebastelt. Plötzlich hält ein Fahrzeug neben mir und durch mein Fenster hör ich laut auf Deutsch: „parken und übernachten ist hier aber nicht gestattet …“

Ich so: was ist das denn jetzt für ein deutscher Vorschriftenidiot ? Hallo, wir sind in Kanada. Ich hab da überhaupt nicht drauf reagiert sondern statt dessen still weiter gearbeitet.

Zum Glück hat sich die Situation sofort geklärt: das war ein befreundetes, total nettes Reisepärchen, mit dem ich vorher schon mal zusammen gesessen hatte. Wir haben dann noch einen sehr angenehmen Vormittag verbracht. Es war daher zum Glück alles nur ein „deutscher Scherz“ der beiden, aber leider nur allzu typisch und ich bin natürlich drauf reingefallen.

Whatsapp Chat aus Deutschland:

Whatsapp Bildschirmkopie mit mit Parkzettel wegen angeblichem falsch parken
Was denken sich diese selbst ernannten Verkehrswächter & Zettelverteiler in Deutschland nur ? Dass sich die Leute sagen. „oh, wegen dieser rabiaten Erinnerung heut morgen mach ich zukünftig nun alles richtig, parke korrekt und ernähre mich vegan ?“ Wohl kaum !

In Kanada ist ein solch absurdes Verhalten völlig undenkbar. Daher: sich moralisch überlegen fühlen und anstatt tagsüber arbeiten zu gehen lieber für das eigene Wohlbefinden mahnende Zettel verteilen.

Wenn überhaupt verteilt in Kanada die Gemeinde oder die Polizei ganz offiziell Strafzettel. Bei völlig berechtigten Vergehen. So wie hier in Banff:

Falsch parkendes grauen Auto in Kanada mit hervorgehobenen Strafzettel

#3 Frühstück in Kanada: ersatzlos gestrichen

Auf Katies Campingplatz hatte ich eines Morgens die Idee, frisches Gebäck (Knack-Back-Brötchen) und Nutella zu servieren. Das fanden die Kanadier ziemlich ungewöhnlich und es wurde (völlig zu Recht) vermutet, dass frische Brötchen mit Nugatcreme zum Start in den Tag etwas typisch Deutsches sein muss.

Bei uns in Deutschland ist das Frühstück eine sehr wichtige Mahlzeit. Neben frischem Gebäck, echter Butter, gutem Kaffee, Tee, frischem Orangensaft und Marmelade könnte möglicherweise noch eine Auswahl Käse, Wurst oder Schinken Aufschnitt dazu gehören. Eventuell noch etwas Obst wie frische Weintrauben ? Bacon und Ei – mindestens am Sonntag.

Nicht so in Kanada. Dort reicht morgens ein Kaffee und bei Katie bestand das „Geschirr“ aus Papptellern. Einweggeschirr, aus Pappe ! Zum Frühstück !!

Nutella im Plastikglas, Kanada
Tatsächlich wird Nutella in Kanada sogar im Plastikglas verkauft.

Das wäre in Deutschland völlig unvorstellbar. Nutella mit Palmöl und dann noch in Plastik ? Sowas hätte für Ferrero einen Shitstorm sondergleichen plus Umsatzeinbruch von mindestens 50% zur Folge. In Kanada sind praktisch nicht recycelbare Einwegverpackungen dagegen Standard und der Hinweis „ohne Palmöl“ wird überhaupt nicht verstanden.

Gemeinsames Frühstück im Grünen. Vier deutsche Freunde neben einem Campingwagen auf dem Alemania Germany steht
Ein gemeinsames, entspanntes Frühstück mit Freunden an einer reich gedeckten Frühstückstafel, mitten im Grünen. Das ist meine deutsche Vorstellung von einem perfekten Frühstück.

#4 Diesel für 1,30 CAD = 0,85€ pro Liter

Diesel für unter 1 Euro ? Das hatte ich zuletzt während der Coronakrise erlebt. Die Kanadier waren sehr erstaunt zu erfahren, dass Diesel bei uns 1,60€ kostet. Umgerechnet 2,50 CAD – rund 80% Aufschlag …

Seitenansicht drei SUV

Kehrseite ist leider, dass die Kanadier bevorzugt riesen SUV und amerikanische 4×4 Pickups fahren, deren Ladefläche meist leer ist. Es besteht kein Anreiz, sparsame Autos zu kaufen oder auf ein Elektroauto umzusteigen. Dazu kommen die unglaublichen Entfernungen in Kanada plus harte Winter, was beides keine optimalen Voraussetzungen für eAutos sind.

Tatsächlich nehmen die Kanadier selbst für kürzeste Distanzen das Auto – wo ich als Deutscher sagen würde: das kann man doch problemlos laufen.

Um beim Beispiel mit Katies Campingplatz zu bleiben: dort hab ich unten am Meer auf einem Felsen Plateau geparkt, was 100 Meter vom Campingplatz entfernt war. Zur Dusche bin ich gelaufen – ich hätte aber auch den eRoller nehmen können. Die Kanadier sind diese extrem kurze Distanz runter zum Lagerfeuer unten am Meer stets mit dem Auto gefahren.

Ein anderes Beispiel: auf den Fairmont Hotsprings hat neben mir ein Pärchen im Luxuscamper geparkt, beide total nett. Aber zur Quelle runter sind sie mit dem mitgeführten Auto gefahren: ca 60 Meter.

(Auto aufschliessen, Badesachen einräumen, ausparken, 60 Meter fahren, Parkplatz suchen, parken, aus dem Auto rauskrabbeln, alle Badesache rausnehmen, Auto abschliessen …)

Ein Extrembeispiel waren drei ältere und ich muss leider sagen sehr korpulente Ladies auf einem Parkplatz in Toronto. Zwei haben am Rand vom Parkplatz gewartet, während die dritte das Auto geholt hat. Ungelogen: die Damen haben links von meinem LKW gewartet und rechts vom LKW hat das Auto geparkt. Das Auto wurde gestartet und 10 Meter vor die zwei Ladies manövriert, damit die beiden Damen nicht einen Schritt laufen müssen. Es war kein besonders steiler Parkplatz und auch keiner mit bissigen Bären. Der Weg zum Klo ist in den meisten Häusern ja länger, ob da bereits eine Schale unter dem Stuhl steht ? Ich hätte mich an dem Tag vor Lachen fast bepisst.

Elektroautos und Lademöglichkeiten dafür hab ich in Kanada im Jahr 2025 durchaus entdeckt, aber weniger als bei uns. Ebenso fehlen Solarzellen auf privaten Häusern und Windräder sind selten, obwohl das Potential für Windkraft (und Solarkraft) in Kanada riesig wäre. Der Begriff „Balkonkraftwerk“ (Wikipedia) ist in Kanada unbekannt. In der englischen Wikipedia existiert nur ein knapper Absatz dazu, während die Deutsche Wikipedia Seite dazu sehr umfangreich ist.

Kein Baumarkt kommt in Deutschland ohne wenigstens ein Angebot für ein Balkonkraftwerk aus. In Kanada werden Solaranlage am ehesten von Firmen oder Spezialisten für Solarparks errichtet. Oder: wenn es nicht anders geht, in Offgrid Gegenden.

Auf dem Campingplätzen waren die Betreiber immer erstaunt zu erfahren, dass ich mit meinen vier Solarzellen elektrisch autark bin und nur selten einen Landanschluss benötige.

#5 Richtig Trinkgeld geben in Kanada. Die Sache mit dem Tip

Bei uns in Deutschland rundet man den Betrag im Restaurant einfach auf. Das ist insbesondere bei Barzahlung praktisch. Ein Trinkgeld ist gern gesehen, aber passend zahlen wenn alles okay war ist nicht komplett unhöflich.

Ganz anders in Kanada. Dort ist der „Tip“ ein integraler Bestandteil vom Gehalt. Es ist durchweg üblich, zwischen +15% und +25% mehr zu zahlen. Nach meinem Sommer in Island, wo Trinkgeld überhaupt nicht erwartet wird (Tipps zum Geld sparen in Island) war Kanada daher eine gewisse Umgewöhnung.

An die Tip Problematik habe ich mich immer noch nicht gewöhnt. Einerseits habe ich kein Problem damit, im Restaurant einen kleinen Aufpreis zu bezahlen. Andererseits fände ich es besser, wenn man die Mitarbeiter einfach vernünftig bezahlen würde, ohne Tip Zwang. Die teilweise extrem aufgesetzt wirkende Fröhlichkeit der Mitarbeiter im Service finden wir Deutschen in Kanada daher vermutlich etwas seltsam.

Genau so wie Leute, die einen am Eingang vom Supermarkt begeistert begrüssen. Unter anderem deswegen ist Walmart in Deutschland auch gescheitert. Das fanden die Leute, die einfach nur Einkaufen wollten nämlich super merkwürdig. Zusammen mit diesen „Mitarbeiter Motivationsrunden“ am Morgen, was in Deutschland ebenfalls unüblich ist und geradezu als affig empfunden wird.

In Kanada wird man meistens um +15%, +20% oder +25% Tip gebeten, wenn man mit Kreditkarte bezahlt. 15 ist okay, 20 ist gut, 25 ist sehr gut. Auf dem Terminal kann man dann eine der drei Möglichkeiten auswählen, aber auch eine manuelle Prozentzahl eintippen – oder „no tip“ auswählen.

Als ich in einem Chinarestaurant auf 25 CAD aufrunden wollte wurde das als „+25% Tip“ missverstanden. Der Mitarbeiter war von mir ziemlich begeistert, mit +25% Tip war ich der beste Kunde ever. Obwohl die Summe unter dem Strich in etwa ähnlich war. Aufrunden so wie in Deutschland ist in Kanada daher ungewöhnlich.

Falls du versuchst von 39 auf 45 CAD aufzurunden zahlst du wahrscheinlich 45,08 CAD so wie ich einmal, weil der Mitarbeiter versucht hat irgendwie mit Prozenten der Zielsumme nahe zu kommen.

Vermutlich kommt nur ein Deutscher auf diese Idee, aber es ist eigentlich völlig unsinnig beim kauf von einem Hot Dog für 4 CAD an einem Foodtruck +15% tip zu geben. Das entspricht etwa 0.30 €, was soll das bitte bewirken ? 30 Cent Trinkgeld kann in Deutschland glatt als Hinweis verstanden werden, dass man (im Gegensatz zu Null Euro Trinkgeld) mit dem Service ausdrücklich nicht zufrieden war.

Bei einer weiteren Streetfood Bude hab ich für einen Hamburger, den ich aus dem Fenster gereicht bekam ebenfalls „no tip“ ausgewählt. Zuvor hatte ich um einen Lappen gegen, um selber den regennassen Tisch und Sitz trocken zu wischen. Sorry Leute !

#6 Das Phänomen Tim Hortons

Die Tim Hortons Kette ist in Kanada unübersehbar. Städte werden in ihrer Grösse nicht etwa durch die Einwohneranzahl, sondern durch die Bezeichnung „2-Tims“ oder „3-Tims“ bestimmt. Je nach dem, wie viele Filialen dort aktiv sind. Nach dem Besuch einiger der Filialen hat sich mir folgende Frage gestellt:

Was finde die Leute nur an Tim Hortons ? Warum ist Tim Hortons so erfolgreich ?

Das Angebot besteht lediglich aus zuckerigen Donuts, Kaffee und Sandwiches. Trotzdem stehen die Leute Schlange, um an der Theke von ruppigen Trucker Typen oder nicht englisch sprechenden Personen bedient zu werden.

5 Kunden am Tresen einer Tim Hortons Filiale in Kanada

Bei uns in Deutschland hätte das absolut Null Erfolg. Weder mit dem Warenangebot, noch mit diesem Ambiente.

Inzwischen halte ich die Donut Kette Tim Hortons jedoch für einen integralen Bestandteil der Kanadischen Kultur. Das hängt sicherlich auch mit Eishockey zusammen: Tim Hortons wurde von einem Eishockeyspieler gegründet. Es ist kanadische Gegenwartskultur und Gewohnheit im Alltag, immer mal wieder in einen Tim Hortons rein zu spazieren – oder sich etwas ins Auto reichen zu lassen.

Gegenbeispiel aus Deutschland: bei mir in Hannover gibt es im Umkreis von 150 Metern um mein Haus herum 3 Döner Buden. Die existieren dort seit Jahren und leben allesamt gut davon. Obwohl es durchaus Qualitätsprobleme bei der Zubereitung und manchmal Verständigungsschwierigkeiten beim Bestellen gibt rennen die Leute in Deutschland den Döner Buden die Tür ein.

In Kanada gibt es dafür überhaupt nur sehr selten einen Imbiss, der Kebab hat. Genau so, wie es in Deutschland (bislang) keinen Tim Hortons gibt. Was „ein guter Döner“ (Wikipedia) ist musste ich den Kanadiern erst mal erklären.

Streetfood in Kanada bestehend aus einer Plastiktüte, Salat und Tacos mit einer Cola.
Streetfood in Kanada. Taco Chips in einer Plastiktüte mit Salat und Fleisch. Durchaus lecker, aber eine Döner Tasche mit Brot so wie in Deutschland ist entschieden appetitlicher.

Ich finde, insbesondere solche überraschenden Nuancen machen das Reisen aus. Man entdeckt unterwegs interessante Gegensätze, aber auch Gemeinsamkeiten. Gleichzeitig lernt man etwas über sich selbst und wie man sein eigenes Leben und die Heimat bislang wahr genommen hat.

Reisen ist Selbstreflektion und ständiges Lernen.

#7 Kanadische Vergangenheit vs Deutscher Vergangenheit

Auf Katies Campingplatz wurde ich eines Abends am Lagerfeuer behutsam auf die Deutsche Vergangenheit 1933 – 1945 angesprochen. Und wie ich das sehen würde.

Mir war das nicht weiter unangenehm, schliesslich sind keine Verbrechen gründlicher aufgearbeitet worden als die der Nazis und ich bin zum Glück keiner. Als der zweite Weltkrieg vorbei war, war mein Vater 4 Jahre alt und wäre fast noch von den Russen geklaut worden. Die Nazizeit ist in Deutschland immer noch präsent, aber inzwischen liegt das für die meisten Deutschen gedanklich weit in der Vergangenheit. Mit dem Thema war ich daher cool.

Nicht so jedoch die jüngste Vergangenheit in Kanada. Damit meine ich den Umgang mit den Ureinwohner oder Inuit / First Nations in der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg.

Es kam in der Vergangenheit in Kanada mehrfach zu schrecklichen Verbrechen an den Ureinwohnern, unter anderem zu Kindermorden in Internaten und zu Zwangssterilisierungen indianischer Frauen. Aber das ganze ist in Kanada gesellschaftlich noch weit von einer Aufarbeitung entfernt. Und es liegt mit ca 1950 – 1970 noch nicht lang zurück, es gibt viele noch lebende Zeitzeugen.

Frauenwahlrecht in Kanada: 1918. Das war im Vergleich zu anderen Ländern sehr früh. Wahlrecht für die Inuit: erst seit 1960 …

Mein Rat an dich: vermeide im Gespräch mit Kanadiern unbedingt das Thema Ureinwohner.

Wechsle das Thema, wenn ein Gespräch in die Richtung übermässiger Alkoholismus, Drogenmissbrauch, Verwahrlosung in Reservaten geht.

Sag einfach, dass du unterwegs auf dich achten wirst und sprich über etwas anderes. Vermeide ausserdem Umweltschutz Themen. Beim Thema Raubbau an der Natur sind die Kanadier ebenfalls unsensibel.

#8 Eishockey in Kanada !

Etwas weiter oben hatte ich ja erwähnt, dass Eishockey und die Kette Tim Hortons eng miteinander verwoben sind. Während Eishockey in Hannover eher ein Elitensport für Kinder reicher Eltern ist, ist Eishockey in Kanada absoluter Breitensport. Wir haben in Hannover (>500.000 Einwohner) lediglich die Eishockeyteams „Scorpions“ und die „Indians“. Wobei sich letzteres Team vor einem Besuch in Kanada erst mal umbenennen müsste, siehe vorheriger Abschnitt.

Dafür gibt es in Hannover aber weit über 200 Fussball Vereine. In Kanada ist es genau umgekehrt.

Kurz und knapp: Eishockey ist in Kanada in etwa das, was bei uns in Deutschland Fussball ist. Nationalsport, Gesprächsthema, Tagesthema, Aufreger und Identitätsstiftend.

Tipp: mach dich mit ein paar Grundzügen der Kanadischen Eishockey Mannschaften und dem Spiel selbst vertraut. So zum Beispiel welche Meisterschaften gerade laufen oder welche Stadt welches Team hat. Kann für etwas Small Talk nicht schaden, zum Beispiel um sich vom Gegenüber etwas genauer zum Thema Eishockey erklären zu lassen.

Kanadier schauen Nachts auf einem Parkplatz Eishockey

Die Eishockey Kultur ist in Kanada ein nationales Statussymbol. Insbesondere Siege über Mannschaften aus den USA werden ausgiebig gefeiert. Kanada hat aber auch viele Spieler aus den USA verpflichtet.

Als ich 2025 in Kanada war, war gerade Weltmeisterschaft und Kanada ist gegen Dänemark rausgeflogen. Seit wann spielen Dänen Eishockey ? Anschliessend wurde Dänemark durch die Eishockeymannschaft der Schweiz (noch merkwürdiger) abserviert. Ich hab zu dem Thema lieber die Klappe gehalten.

#9 Nicht auf Deutsch „ach so“ sagen

„Ach so“ heisst bei uns so viel wie: „Ach, so ist das … “ als entspannter Ausruf, wenn man einen Zusammenhang verstanden hat.

Problem: das deutsche „ach so“ kann in Kanada oder den USA als „asshole“ missverstanden werden.

Sag lieber allright oder zusammengeknautscht und knapp alrght 🙂

Noch etwas, was du nicht tun solltest: bei Tisch die Nase putzen. In Deutschland ist es unproblematisch, sich zu schnäuzen. Das ist in anderen Teilen der Welt (so auch in Kanada) jedoch sehr schlechtes Benehmen.

#10 Besonderheiten im Strassenverkehr: Abbiegen bei Rot, rechts überholen & Schulbusse

Kanada hat im Vergleich zu Deutschland einige Besonderheiten im Strassenverkehr. So darf an roten Ampeln rechts abgebogen werden, solange die Strasse frei ist und niemand gefährdet wird. Vorher muss das Fahrzeug kurz anhalten, wie bei einem Stop Schild.

Ausnahme: gilt nicht in Montreal und eher selten in den französisch sprachigen Gebieten. Dort sind oft Verbotschilder mit „no turn on red“.

Manchmal gibt es einen orangenen Pfeil. Dann muss man vorsichtig abbiegen.

Auf Autobahnen darf rechts überholt werden. In Gebieten wie Toronto, Vancover oder Montreal mit viel Verkehr und mehrspurigen Autobahnen sollte man den rechten Aussenspiegel daher stets im Blick haben.

Die markanten, gelben Schulbusse dürfen nicht überholt werden, wenn sie halten und die Warnblinkanlage eingeschaltet ist. Auch nicht, wenn der Schulbus im Gegenverkehr hält. Alle Fahrzeuge auf beiden Spuren stoppen in dem Fall und warten, bis der Schulbus die Warnlampen löscht und abfährt.

Roter Hydrant an einem gelb markierten Bordstein

Gelb lackierte Bordsteinkanten sind Parkverbotzonen. In denen darfst du nur kurz zum ausladen anhalten oder um schnell Leute rauszulassen.

Rot lackierter Bordstein = absolutes Park & Halteverbot (aber eher in den USA beobachtet)

#11 Eis & Wasser im Restaurant

Wasser gibt es in vielen Restaurants gratis. Das wird einfach so auf den Tisch gestellt, wenn man sich setzt. Im Unterschied zu Deutschland wird in Kanada nicht erwartet, ein Getränk zur Mahlzeit dazu zu bestellen. Das kann durchaus Geld sparen, wenn man prinzipiell mit Leitungswasser zufrieden ist.

Eine pure Leitungswassser Bestellung wäre in Deutschland ziemlich ungewöhnlich und würde definitiv auf der Rechnung auftauchen. Kanadier würden sich in Deutschland wundern ! Bei uns kostet Leitungswasser extra.

Wasser oder Softdrinks ohne Eiswürfel sind in Kanada jedoch unvorstellbar. Der Flut von Eiswürfeln entgeht man nur, in dem man sie explizit rechtzeitig abbestellt.

Fun Fakt: probier mal in einem deutschen McDonalds aus, mehr als +1 Portion Eiswürfel am Bestellautomaten auszuwählen. Das ist dort überhaupt nicht vorgesehen ! Der Automat lässt dich 0 (keine Eiswürfel) oder 1 (eine Portion Eiswürfel) wählen. Bei McDonalds Kanada: +1, +2, +3, +4 …

#12 Religion in Kanada

Religion ist in Deutschland Privatangelegenheit. Deutschland ist eine Industrienation und seien wir ehrlich: unter der heiligen Dreifaltigkeit (Wikipedia) verstehen die meisten vermutlich den Weihnachtsmann, den Osterhasen und die Zahnfee.

Kanada war jedoch traditionell ein Auswanderungsland für Menschen, die in Europa religiös verfolgt wurden. Ich mache an der Stelle mal kein Geheimnis daraus, dass ich Religion & Missionare nicht besonders mag. Europa hat damals ein paar Leute in Amerika entsorgt die glatt wahnhaft waren. Die Folgen davon sind durchaus noch spürbar …

Religion ist insbesondere in Ontario omnipräsent, so durch vielen kleinen Kirchen mit allgegenwärtigen Bibel Botschaften davor. Viele Privatgrundstücke und Werbeschilder an den Highways machen ebenfalls Werbung für das Produkt Jesus. Dazu kommen Missionare, die durch die Strassen ziehen und ungefragt versuchen, ihren sozialen Virus zu verbreiten um neues Personal für Jesus anzufixen. Die dann wiederum missionieren, um diese soziale Infektion weiter tragen.

Bei uns in Deutschland stehen die Zeugen Jehovas im Bahnhof herum und halten ein Tablet mit irgendwelchem bunten Jesus Crap hoch. Ich finde das ziemlich widersprüchlich, denn um ein Tablet herzustellen sind kluge Ingenieure notwendig um die dafür notwendigen Metalle und Kunststoffe zu gewinnen. Dann müssen Chips und das LCD Display hergestellt werden und eine Lithium Ionen Batterie für das Tablet. Alles Früchte von jahrelanger, extrem harter wissenschaftlicher Forschung und Ingenieurs Arbeit.

Christliche Werte find ich ja noch ganz in Ordnung, aber sowas wie ein Tablet fabriziert man nicht, in dem man seine Nase von morgens bis abends in eine Sammlung anekdotischer Geschichten (die Bibel, Koran usw) steckt.

Abgesehen von diversen Sorten Jesus Fans die einen gelegentlich ansprechen gibt es speziell in Ontario viele Amische (Wikipedia). Ehemals ausgewanderte Deutsche die eine sehr rückwärtsgewandte Lebensweise pflegen. Sie lehnen im Alltag viele moderne Errungenschaft ab und sind vor allem Farmer. Im Strassenbild erkennt man die Amischen sofort an ihrer altertümlichen Kleidung mit Hosenträgern und Bärten, die jedem Alchemisten Ehre bereiten würde. Gewagte Frisuren, Bärte, altertümliche Kopfbedeckungen und eine traditionelle Rollentrennung zwischen Mann und Frau ? Dann sind es Amische.

Respektiere in Kanada die Lebensweise dieser friedlichen Leute trotzdem, sei respektvoll und mach vor allem keine Witze oder Fotos.

Immerhin sind sie nicht so scheinheilig wie die Zeugen Jehovas bei uns – mit ihren Jesus Tablets made in China und diesen zwanghaften Missionierungsversuchen im Bahnhof.

Mein Rat wäre: halte auf Reisen insgesamt die Klappe zum Thema Religionen. HIER sage ich was dazu, auch durchaus frech. Das ist mein Blog und meine Meinung. Unterwegs & in the wild sage ich dagegen nichts – auch wenn es mir oft schwer fällt.

#13 Andere Schrauben in Kanada: Robertson R2

Ein eher technischer Aspekt, der dem normalen Reisenden bestimmt entgeht. Aber als jemand, der ständig an seinem LKW herumschraubt war ich ziemlich überrascht herauszufinden, dass Kanada andere Schrauben als Europa hat. Genauer: anstatt Kreuz, Schlitz, Sechskant oder Torx ist es ein Innenvierkant.

Schrauben und R2 Bit mit dem Robertson Innenvierkant

Ich hatte beim Einkauf von Ersatzteilen vor allem auf das metrische M4 und M5 Gewinde geachtet und komplett übersehen, dass Kanada sehr oft andere Schraubenköpfe hat. Das passende Robertson (Wikipedia) R1, R2 bzw R3 Bit musste ich mir dann erst mal besorgen.

Vorteil: in Kanada gibt es fast immer nur R2. Schon irgendwie ziemlich praktisch.

#14 Nuancen im Alltag: Kabelsalat in den Strassen + vorne keine Nummernschilder

Wie oben schon geschrieben sind sich Deutschland und Kanada als Länder der westlich geprägten Hemisphäre im Lebensstil ziemlich ähnlich. Abgesehen von Skandinavien hab ich mich in keinem Reiseland bislang so sicher und willkommen gefühlt.

Zwei Autos ohne vorderes Nummernschild parken nebeneinander

Ein paar eher witzige Unterschiede gibt es im Alltag jedoch. So haben die Autos in Nova Scotia vorne keine Nummernschilder, nur hinten. Das habe ich so bislang in keinem Reiseland gesehen.

Eine eher originelle Feststellung war zudem, dass die Kanadier offenbar unheimlich gern Rasen mähen.

Bei uns wird diese lästige Tätigkeit durchweg von Rasenmäh Robotern übernommen, die im Vorgarten still und leise ihre Kreise ziehen. Nicht so in Kanada, wo begeistert mit knatternden Aufsitz Rasenmähern Mario Kart gefahren wird. Irgendwo brummt immer ein Rasenmäher.

Für die Kanadier normal – für mich jedoch ein ungewöhnlicher Anblick – ist der permanente Kabelsalat in den Strassen. Strom und Telefon Kabel werden im Gegensatz zu Deutschland praktisch nie unterirdisch verlegt. Masten mit vielen Kabeln daran sind dagegen in Kanada allgegenwärtig. Sabotage, Unfälle oder Winterstürme fürchten die Kanadier offenbar nicht.

Super praktisch ist dagegen, dass es auf den kanadischen Autobahnen immer Schilder gibt, welche die Himmelsrichtung angeben. North, west, east …

Ich könnte mir vorstellen dass das zusammen mit dem Tempolimit von 100 km/h wesentlich dazu beiträgt, rechtzeitig Abfahrten zu nehmen. Auf jeden Fall erleichtert es die Entscheidungsfindung, in welche Richtung es in etwa gehen soll. Auch ohne Karte.

Fazit Kanada daher, als Deutscher:

Mein persönlicher „Kulturschock“ war in Kanada ein positiver. Alles viel netter. Falls ich vor hätte auszuwandern wäre Kanada meine persönliche Nummer #1. Vor allem nach BC, Alberta oder Nova Scotia, wegen dem Englisch.

Pack ein Robertson R2 Bit als Glücksbringer ein, falls du das vorhast. Damit bist du in Kanada für alles gewappnet.


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