Ich bin inzwischen seit längerer Zeit in Skandinavien, Amerika und Kanada unterwegs, wo durchweg Englisch gesprochen wird. Sei es muttersprachlich oder als Zweitsprache. Mein Englisch wird durch die viele Übung immer besser. Aber je mehr ich dazu gelernt habe um so öfter sind mir deutsche Wörter aufgefallen, für die sich im englischen kein Gegenstück findet. Oder die gänzlich unübersetzbar sind, weil neben dem Wortlaut noch ein Gefühl mitschwingt.
So wie sich das dänische „hygge“ auf Deutsch nur umständlich mit „gemütliche Geborgenheit im Haus mit Kamin und heissem Tee“ umschreiben lässt haben wir Wörter wie Zugzwang, Fernweh oder Fremdschämen, für die in anderen Sprachen eine direkte 1:1 Übersetzung fehl schlägt.
Manche deutsche Wörter sind so prägnant, dass sie inzwischen ausgewandert sind. Das Wort „Kindergarten“ oder „Schadenfreude“ wird problemlos auf englisch verstanden. Für beide gibt es keine passende Entsprechung im englischen.
Hier mein persönliche Hitliste deutscher Wörter, für die es auf Englisch keine direkte Übersetzung gibt:
Schnapsidee. Auf Englisch ergibt das lediglich „crazy idea“ = verrückte Idee. Der Aspekt, dass jemand auf die verrückte Idee oder eine Wette unter Alkoholeinfluss (einem Schnaps) gekommen ist fehlt in der Übersetzung.
Fernweh / Heimweh. „Fernweh“ wird als „Wanderlust“ übersetzt. Der Gedanke des Fernwehs war im englischen daher so abstrakt, dass ein ebenfalls deutsches Wort aushelfen musste. Heimweh wird mit „homesick“ übersetzt. Die Sehnsucht nach der Heimat, einer gewohnten Umgebung oder einem gemütlichen Zuhause spiegelt das meiner Meinung nach kaum wieder.
Zugzwang. Wenn man gezwungen ist zu handeln und dadurch einen Nachteil hat.
Feierabend. Die Arbeit ist getan und es ist an der Zeit, fröhlich nach Hause zu gehen. Bis zur Nachtruhe gehört der Rest des Tages dir. Unübersetzbares Gefühl.
Mausetod. Hat etwas endgültiges und wird daher am ehesten mit „dead as a dodo“ (ausgestorbene Vogelart) übersetzt. Die 1:1 Übersetzung „Tot wie eine Maus“ ergibt dagegen auf englisch keinen Sinn.
Sturmfreie Bude. Die Wohnung ist so frei von Erwachsenen wie die Insel in „Der Herr der Fliegen“ bis zur vorletzten Seite.
Mutterseelenallein. Nicht nur allein, sondern gänzlich verlassen und isoliert, so wie ein an der Tankstelle zurück gelassenes Kind. Die Übersetzung „completely alone“ fängt diese Traurigkeit und Dramatik nicht ein.

Glückskind ergibt ins englische übersetzt einfach nur „lucky child“ = glückliches Kind. Ein Glückskind ist im Deutschen aber eine unbeschwerte Person, die vom Glück geradezu verfolgt wird. Durchaus auch Jugendliche oder junge Erwachsene.
Fremdschämen. Wort für ein Gefühl, was man unmöglich ins englische übersetzen kann. Passiert einem, wenn man im Ausland Deutschen begegnet die sich unmöglich daneben benehmen. Ein ausgeprägtes fremdschämen kann einen dazu veranlassen so zu tun, als wär man ein „anderer Ausländer“ ohne Deutsch Kenntnisse.
Die Übersetzung „vicarious embarrassment“ (=stellvertretende Peinlichkeit) ist eher sperrig, das deutsche Wort fremdschämen trifft es dafür präzise auf den Punkt.
Spendierhose. Würde auf englisch generous = grosszügig ergeben. Eine Hose anzuhaben mit prall gefüllter Geldbörse darin und dem willen jeden unterwegs einzuladen ist ein viel schöneres Bild.
Fingerspitzengefühl. Wenn man eine zwischenmenschliche Situation behutsam und taktvoll angeht. Nicht mit der Brechstange, sondern diplomatisch. Auch bei empfindlichen Präzisionsarbeiten anwendbar.
Kabelsalat hat das sehr schöne englische Gegenstück „cable spaghetti“. Aus irgend einem Grund haben die vertüdelten Kabel in beiden Sprachen eine kulinarische Entsprechung. Mit dem aufkommen von MP3 und Streaming Diensten ist der Bandsalat dagegen vom aussterben bedroht.
Vorgestern. Wir haben vorgestern, die Amerikaner haben das viel umständlichere „the day before yesterday“. Ähnlich: Übermorgen.
Tapetenwechsel. Wunsch nach einem Umgebungswechsel und das Bedürfnis, etwas neues auszuprobieren. Ein neuer Job, eine neue Umgebung, neue Freunde oder sogar ein neues Leben.
Hausdrache. Üblicherweise Frau des Hauses, die Besuchern feindselig begegnet und Mundgeruch hat mit dem man Plastik schmelzen kann.
Arschkarte. Mit der Arschkarte ist die Rote Karte gemeint, die ein Fussball Schiedsrichter aus seiner Gesäss Tasche zieht. Daher ein Show Stopper für möglicherweise etwas unfaire Spieler und wegen dem Bezug zum Fussball so typisch deutsche wie nur irgend was.
„To draw the short straw“ (den Kürzeren ziehen) kommt dem auf englisch am nächsten.
Torschlusspanik. Last Minute oder Deadline Panic auf englisch. Die sich schliessende Tür ist dagegen ein sehr schönes Bild.
Erbsenzähler. Wort für eine pedantische Person, die Unwichtiges oder Kleinigkeiten viel zu genau nimmt. Daher sogar die Erbsen auf dem Teller abzählen würde.

Milchmädchenrechnung. Eine naive Berechnung, die scheinbar zu einem plausiblen Ergebnis kommt, jedoch im Endergebnis falsch ist. Milkmaid bill ergibt auf englisch keinen Sinn.
Beispiel: wenn wir den Treibstoff der Rakete verdoppeln fliegt sie doppelt so hoch. Oder: ich bin 15 und meine Mutter 40. Wenn ich mit 30 doppelt so alt bin wie heute – ist meine Mutter 2 x 40 = 80.
Galgenfrist. Ein kurzer Aufschub, bevor dramatische Konsequenzen unvermeidbar sind. Das englische dead line kommt nahe, beinhaltet jedoch nicht den sprichwörtlichen Galgen, der den Deliquenten erwartet wenn er den Galgenberg (Wikipedia) erklimmt.
Vorfreude. Nicht nur Freude, sondern freudige Erwartung auf ein zukünftiges Ereignis. Man freut sich daher zwei Mal. Zunächst darüber, dass man zum Beispiel bald ein Geschenk erhalten wird, dann über das Geschenk selbst.
Kummerspeck. Übergewicht, was durch emotionales Essen in trübseliger Lage angelegt wurde.
Bauernschlau. Wenn man ohne Bildung trotzdem wirtschaftlich erfolgreich ist und vorteilhafte Entscheidungen für sich fällen kann. Oder viel intelligenter Leute übers Ohr haut.
Ablästern. Dafür gibt es im englischen zwar keine direkte Übersetzung, aber „to bitch about someone“ ist ein lässiger slang dafür.
Dann gibt es noch drei spezielle Wörter im Deutschen, die nur vier Buchstaben haben und eine sehr knappe, prägnante Aussage erlauben. Das haben nur wir so, nicht die Engländer oder die Amerikaner.
Jein. Mischung aus Ja und Nein, mit der man „weder noch, bin unentschlossen“ ausdrücken kann. Populär geworden durch die Fantastischen Vier.
Egal. Für „egal“ würde man auf englisch „it doesn’t matter“ sagen. Aber zum einen ist das länger und mit „ja ja egal“ kann man im deutschen zusätzlich zum Ausdruck bringen, dass einem nicht nur die Sache gleichgültig ist sondern zusätzlich auch noch die Person, die irgendwas unsinniges von einem will. Schnurtz piep egal oder Scheissegal ist die Steigerung des ganzen.
Doch. So ungewöhnlich, dass die englische Übersetzung in etwa so ausfallen würde: „No, I still tend to disagree with your opinion and remain insisting on my point of view, which I am willing to fight for and take consequences if required.“
Ich mache das jetzt einfach, egal was du davon hältst – in einem einzigen Wort. Einfach Brilliant.
Mich hat diese Recherche daran erinnert, wie schön aber auch wie gleichzeitig sprachlich komplex unsere Sprache ist. Wir haben für bestimmte Situationen oder Dinge Wörter gefunden, die lautmalerisch und sehr witzig sind.
Manchmal werde ich am Lagerfeuer gefragt, ob ich gute deutsche Schimpfwörter weiss. In dem Fall kontere ich dann lieber mit dieser Liste besonders interessanter deutscher Wörter, die unübersetzbar sind.