Ich hab auf meiner Reise durch Kanada drei interessante Einwanderungs / Auswanderungs Geschichten von Deutschen in Kanada gesammelt. Wichtigstes Kriterium war für mich, dass die Emigration nach Kanada gewollt erfolgt ist und nicht zufällig. Beispiesweise nicht als Kind ausgewanderter Eltern.
Warum wurde Deutschland verlassen und wie ist die Lebensgeschichte in Kanada weiter gegangen ?
Diesen Fragen bin ich in sehr unterschiedlichen Interviews nachgegangen. Getroffen haben drei Deutsche, die als Spezialist, per Heirat oder über den langwierigen Behördenweg ausgewandert sind.
Jens Nonjabuiss, 56, aus Treffurt in Thüringen

Jens hab ich am 18. August 2025 interviewt. Es war eine überraschende Begegnung, denn eigentlich war ich in der Nähe vom Trout Lake einer legendären Goldsucher Geschichte auf der Spur und überhaupt nicht auf ein Interview vorbereitet. Ich war bei der kanadischen Familie Nugent zu Gast, die mehr über eine sagenhafte, aber nicht mehr auffindbare Golderz Mine tief in den Bergen wusste.
Jens sass Abends am gemeinsamen Lagerfeuer.
Mit einer Lebensgeschichte die interessant genug war, um sie aufzuschreiben.
Die Lardeau Gegend ist selten besucht und abgelegen. Vorsichtig schlängelt sich die Route 31 als einfache Schotterpiste zwischen dem Fuss der Berge und dem Lardeau River entlang. Wenige selbst gebaute Wochenendhäuser ohne Anschluss an Wasser, Strom oder Mobilfunk stehen dort, wo früher tausende Goldsucher und Minenarbeiter nach wertvollen Edelmetallen gesucht haben. Offgrid mitten zwischen Wald, Bären und Ghosttowns. Dafür als Selbstversorger mit eigenem Garten und Wasser aus dem Fluss.
Oder wie mir ein Anwohner verschwörerisch zugeraunt hat: „Hier wohnen noch echte Kanadier“. Jens ist einer davon.
Jens lebt seit 29 Jahren in seiner neuen Heimat Kanada. Er ist im Jahr 1996 ausgewandert und stieg bewaffnet mit simplen Schulenglisch und einem Wörterbuch aus dem Flugzeug. Als hauptsächlichen Grund für die Emigration nennt er Unzufriedenheit mit der EU Politik.
(An der Stelle muss ich kurz einwerfen, dass ich als Weltreisender Entscheidungen wie eine europäische Blockbildung, wegfall lästiger Grenzen, eine gemeinsame Währung oder EU weites Mobilfunk Roaming sehr positiv wahr nehme).
Abgesehen davon war Jens aber mit der sich abzeichnenden, unkontrollierten Zuwanderung in Deutschland nicht einverstanden. Eine Ansicht, die ich durchaus teile. Jens ist in der DDR aufgewachsen, in der Vertragsarbeiter aus den befreundeten Ländern Vietnam oder Mosambik abgeschottet von der Bevölkerung untergebracht wurden (Madgermanes Wikipedia). Anders als in Westdeutschland, was seit den 60er Jahren ein Einwanderungsland ist war diese plötzliche Entwicklung nach der Wende für viele Menschen in Ostdeutschland überraschend und ungewohnt. Und durchaus ein Grund, die ehemalige DDR in Richtung einer besseren Heimat zu verlassen – was nach dem Fall der Mauer jedem offen stand.
Ironischerweise sollte die Einbürgerung in Kanada für Jens nicht ohne Tücken erfolgen, denn Kanada setzt bei der Einwanderung auf ein Punktesystem. Ein junges Alter, gute berufliche Qualifikation und Sprachkenntnisse sorgen für Pluspunkte. Wer 75 von 100 Punkten erreicht darf dauerhaft im Land bleiben. Diese Prüfung dauert ein Jahr und lässt den Antragsteller daher eine lange Zeit im Ungewissen.
Obwohl sich Jens in Kanada rasch eine eigene Existenz aufgebaut hat und beruflich erfolgreich war wurde ihm die Einbürgerung ein ums andere Jahr verwehrt. Es fehlten immer genau 7 Punkte. Jeder Einbürgerungsantrag kostet dabei 1750 kanadische Dollar, fast 1100 Euro.
Nach der dritten Ablehnung hat sich Jens die ganze Sache einmal genauer angeschaut. Es gab im Grunde zwei Lösungen für das Problem „mehr Punkte“. Entweder französisch lernen oder einen persönlichen Besuch in der Botschaft Berlin unternehmen, was für 10 extra Punkte sorgen würde. Da letzteres weniger kompliziert ist als ausgerechnet Französisch zu lernen – hat sich Jens dafür entschieden.
Um einen solchen Termin zu bekommen waren drei Monate lang Anrufe in der Kanadischen Botschaft Berlin nötig, um nach einem weiteren Jahr diesen berühmten Interview Termin in Berlin wahr nehmen zu dürfen. Seine Karten waren mit dieser sowohl finanziell als auch logistisch gewagten Aktion gut genug, um dem leidigen Thema Einbürgerung in Kanada nach langem, hartnäckigem Kampf ein Schlusskapitel hinzuzufügen: Willkommen als Bürger Kanadas.
Jens hab ich als echten Allrounder kennen gelernt. Als gelernter Elektriker wäre es problemlos möglich gewesen, eine Arbeit zu finden. Aber im waldreichen Kanada hat Jens zunächst auf Holzfäller umgesattelt, um dann als Carpenter zu arbeiten. Das ist eine Kombination aus Tischler und Bauschreiner.

Auf seinem Grundstück im Poplar Creek habe ich 5 Häuser, Scheunen und eine Werkstatt gezählt, die er selbst aus Holz errichtet hat. Er lebt von Aufträgen als Bauschreiner und hält es etwa so: ein halbes Jahr hart für ein Projekt arbeiten mit sehr gutem Verdienst, dann ein halbes Jahr Pause oder nur eigene Projekte. Diese work / life Balance mitten in einer fantastischen Natur ist so nur in Kanada möglich.
Kanada hat natürlich auch Schattenseiten. Das ist vor allem das träge Gesundheitssystem. Jens ist 56 und hat Probleme mit den Hüften, die Wartezeit für eine OP würde zwei Jahre betragen. Es dauert hier ewig, einen Termin bei einem Spezialisten zu bekommen.
Inzwischen hat sich Jens ein weiteres Standbein aufgebaut: er hat seit kurzem die mexikanische Staatsbürgerschaft. Eine probate Möglichkeit, dem langen Winter in Kanada auszuweichen und günstig zu leben. Seine Lebensgeschichte ist daher noch lange nicht zu Ende erzählt. Er verbringt den Winter seit 16 Jahren im Mexiko. Er meint, gesellschaftlich gefällt es ihm unheimlich gut in Kanada, aber der lange, schneereiche Winter ist nicht so seins.
Jens: Niemand sollte bei -20 Grad frieren, wenn man bei +25 Grad in Mexiko am Strand sitzen kann.
Jens kombiniert daher die Vorteile zweier Welten für sich. Möglicherweise ist in Mexiko sogar für das Hüftproblem eine Lösung in Sicht. Jens spricht Deutsch, English, Spanisch – und etwas Russisch.

Ruben, Karina, Melissa, Janelle, Celia & Daniel in Kelowna, British Columbia

Rubens Geschichte beginnt in Australien, dort wächst er als Sohn deutscher Eltern auf, um später nach Deutschland und die Schweiz zurück zu kehren. In der Schweiz hat er einen gut bezahlten Job in der Luftfahrtindustrie, aber das Leben wird noch jede Menge Überraschungen für ihn bereit halten. Doch zunächst lernt er in Deutschland Karina kennen und gründet eine Familie in der Schweiz. Die Töchter Melissa und Janelle werden 2010 und 2012 geboren.
2014 kommt es jedoch zum Umbruch: Rubens Job ist in Gefahr und die Familie beginnt, weltweit nach Alternativen zu suchen. Eine davon ist Kanada, wo Ruben in Kelowna, British Columbia eine Jobzusage bekommt. Rubens Familie wandert aus und alle werden kanadische Staatsbürger.
Begünstigend ist, dass die Eltern von Karina und viele ihrer Brüder & Schwestern sich bereits für ein Leben in Kanada entschieden haben. Rubens Familie wagt damit keinen Sprung ins komplett kalte Wasser, sondern erfährt in Kanada Unterstützung durch Karinas weit verzweigte Familie.

Meine Frage, was ihm und seiner Familie an Kanada am besten gefällt beantwortet Ruben knapp mit: persönliche Freiheit. Das betrifft sowohl seine Arbeit, die offene Gesellschaft Kanadas als auch die Möglichkeit, Kinder selbst zu Hause zu unterrichten. Rubens Familie ist in Kelowna Teil einer grösseren Gruppe deutscher Auswanderer. Die Familie ist sehr religiös und bibeltreu, aber eher unaufdringlich. Ich war am Sonntag zum gemeinsamen Gottesdienst eingeladen. Dieser wurde lebhaft durch die Gemeindemitglieder selbst gestaltet und nicht durch einen Pfarrer, was mich sehr überrascht hat.
Inzwischen gibt es mit Daniel und Celia Nachwuchs, beide wurden in Kanada geboren.

Im Moment ist die Familie dabei, ausserhalb von Kelowna ein altes Haus zu renovieren. Dort auf dem Grundstück hatte ich für ein paar Tage mein Lager aufgeschlagen.
Beim Anblick der riesen Baustelle hab ich mich gefragt, ob ein Neubau nicht billiger und weniger mühselig gewesen wäre, aber Ruben widerspricht. Obwohl Kanada gigantisch ist und über reiche Vorräte an Holz verfügt ist privates Land teuer und Baustoffe auf Grund der weltweiten Nachfrage ebenso. Daher waren Ruben und seine Frau Karina nach der Arbeit bis spät in die Nacht damit beschäftig, ihr neues Heim in Lake Country selber auszubauen und zu reparieren.
Kelowna ist im Spätsommer der Obstkorb Kanadas.
Hier reifen Pfirsiche, Aprikosen, Weintrauben und Äpfel. An unzähligen Obstständen gibt es verlockend leckere Schwarzkirschen und die Familie von Ruben züchtet Enten, Katzen und Bienen. Es ist mit viel Arbeit verbunden, aber dieser Landstrich lässt sich durchaus in ein kleines Paradies für Familien mit vielen Kindern verwandeln.
Kelowna in Kanada ist für diese deutschstämmige Grossfamilie zur neuen Heimat geworden. Karina, Rubens Frau, hat 6 Brüder und Schwestern. Inzwischen gibt es 26 Enkelkinder, allein im September werden 10 Geburtstage gefeiert.
In der Familie ist Deutsch die Hauptsprache, Englisch wird von allen perfekt gesprochen.

Steven Förster in Vancouver, British Columbia
Wie kommt eine Feldküche aus der Tschecheslowakei auf einen Bauernmarkt in Kanada – und warum werde ich prompt auf Deutsch angesprochen ?

Dies ist die Geschichte von Steve, der in Karl-Marx-Stadt (dem heutigen Chemnitz) in der DDR aufgewachsen ist. Einer Diktatur, in der ein Bundeswehr Parka aus dem Westen oder simple Aufkleber zur Beschlagnahme und einem Gespräch bei der Schuldirektorin führen. 1984 entschliesst sich die Familie zur Ausreise, die vom DDR Staat nach einem Behördenkrieg über Nacht angeordnet wird. Steve ist 16, seine kleine Schwester wird nicht einmal eingeweiht, dass der angekündigte Blitzurlaub im Westen endgültig ist.
Die Familie verschlägt es von Giessen nach Hamburg und schliesslich nach Kiel. Zu dem Zeitpunkt ist man als Ossi unter den Wessis noch ein Exot. Sich eine neue Existenz aufzubauen wird einem nicht leicht gemacht. Die Familie beschliesst, dass aus dem Jungen etwas werden soll. Steve macht eine Bäckerlehre und fällt dafür jeden Tag morgens um 2h aus dem Bett. Nach dem Abschluss der Lehre wird studiert, aber die fehlenden Englisch Kenntnisse sind ein unübersehbarer Nachteil.
Im Jahr 1991 kommt es zu einer schicksalhaften Wende. Auf einer Party ist die Schwester von seinem Freund, die nach Vancouver / Kanada ausgewandert ist. Sie meint: eine Familie dort sucht noch einen männlichen Au Pair, für sofort. Ob das nicht etwas für ihn wäre ? Das Angebot klingt verlockend und ein paar Tage später sitzt Steve im Flugzeug. Steve hat 8 Jahre russisch in der Schule gehabt, aktuell hängt er in einem Wartesemester fest und dies wäre eine einmalige Gelegenheit, das eigene Englisch voran zu bringen.
Was im Kleingedruckten übersehen wurde: die Familie hat 4 Kinder im Alter von 16 Monaten, 3 Jahren, 5 Jahren und 7 Jahren – und – es wurden bereits mehrere Nannies verschlissen.
Etwas hardcore daher, aber nach 3 Monaten sitzt das Englisch, was Steve zusammen mit den aufwachsenden Kindern gelernt hat.
Aus einem halben Jahr wir ein Jahr – Kanada ist fantastisch und bieten im Gegensatz zu Deutschland viel mehr Möglichkeiten und einen schnellen Berufseinstieg ohne Qualifikationen. Steve beschliesst zu bleiben. Sein Einwanderungsweg nach Kanada besteht darin, kurzerhand seine Freundin zu heiraten, obwohl beide wissen dass ihre Partnerschaft vermutlich nicht ein Leben lang halten wird.
Ein weiterer Zufall will es, dass Steve im Jahr 1993 als Quereinsteiger bei einem Catering Unternehmen landet. Vancouver wird auch als Hollywood des Nordens bezeichnet. Unzählige Filmprojekte werden hier realisiert, da British Columbien eine perfekte Infrastruktur bereit hält und mit Inseln, schroffen Küstenabschnitten, verschneiten Bergen, Wild West Ghosttowns und erstaunlicherweise sogar kleinen Sandwüsten eine breite Auswahl an Filmkulissen bietet.
Über 26 Jahre lang arbeitet Steve in einer Catering Firma und arbeitet hautnah mit den Hollywood Stars zusammen. Er hat Zigarren mit Arnold Schwarzenecker geraucht, mit Al Pacino gepokert und war mit Sylvester Stallone in Whistler eingeschneit.
Eine spannende und abwechslungsreiche Karriere in der aufblühenden Filmindustrie Kanadas, die in Deutschland nicht möglich gewesen wäre.
Aktuell lässt es Steve etwas ruhiger angehen und hat sich mit einer tschechischen PK26 Gulaschkanone aus den 60er Jahren selbstständig gemacht. Chilli aus einer original Militär Gulaschkanone: das ist nicht nur lecker, sondern auch noch ein Hingucker, der sich nicht so ohne weiteres kopieren lässt.

Hello Chris,
How is it going? Are you still in the US?
The Article turned out really beautiful and is very accurate.
US until March 2026, then back to Kanada I guess. Thanks vor the comment, had an amazing time with your family. Much thanks for beeing so welcoming !