Der Lost Place Kurzstrip nach Anyox in British Columbia (Artikel dazu) hat mir keine Ruhe gelassen. Swede, der liebenswerte Manager der Mine meinte, ich könne dort jederzeit übernachten wenn ich mit Dosenbohnen als Frühstück zufrieden wäre. Davon hätten sie nämlich eine Menge, frische Sachen dafür eher selten. Mir war klar, dass ich so bald keine Gelegenheit mehr haben würde, diese faszinierende Ghosttown näher zu untersuchen.
Daher hab ich im folgenden ALLES unternommen, um für einen Zeitraum von mehreren Tagen ins extrem abgelegene Anyox zurück zu gelangen. Aber ich war inzwischen weiter nach Norden gefahren – viel zu weit weg von Kincolith und dem Wassertaxi von Larry Stevens. Niemand war beispielsweise in Stewart willens, so weit raus zu fahren. Ich wär sogar bereit gewesen, einen Hubschrauberflug von Stewart aus zu buchen. Aber einerseits wäre das mit weit über 1000€ one way sehr teuer gewesen. Abgesehen davon fehlte aus Sicht der Fluggesellschaft eine offizielle Landeerlaubnis für die aktive Mine. Also nein.
Ich will zurück nach Anyox …
Nächster Versuch: Anyox ist am besten von Kitsault aus zu erreichen, dorthin führt eine gute Piste. Aber Kitsault war komplett an eine Explorationsgesellschaft vermietet, die dort einen Logistikhub für Hubschrauberflüge aufgebaut hat – und daher komplett gesperrt. Ich war tatsächlich dort, die Piste endet 3km vor Kitsault an einem massiven, verschlossenen Tor und im Ort ist Security.
Letztendlich hatte ich unglaubliches Glück. Caroline aus dem Giftshop in Hyder, was bereits in Alaska liegt meinte: sie hätte die Telefonnummer von Swede und könnte ihn ja mal anrufen. Ich hatte ihr zuvor von Anyox berichtet, diesem magischen, versunkenen Ort mit seiner unglaublichen Industriegeschichte. Ein paar bange Sekunden vergingen bevor Swede, der fürsorgliche Manager aus Anyox tatsächlich ran ging. Er meinte ganz locker, in den nächsten Tagen wäre mit seinem Boot eine Tour nach Kitsault geplant. Er könne mich dort abholen & mitnehmen. Einfach so.
Ich hatte auf eine Chance gehofft und hier war sie, sogar in Form vom liebenswerten Anyox Manager Swede persönlich. Daraufhin bin ich nach nur einer Stunde wieder aus Hyder abgereist, eine verblüffte kanadische Grenzbeamtin hinter mir lassend, um meinen alten ex-Militär Truck auf 260 km Piste zurück nach Kitsault zu bewegen. Vorher wurde der Supermarkt in Stewart geplündert: ich hab Steaks, Gemüse & Obst gekauft – daher alles, was frisch ist und was sie dort auf der Plattform nicht haben. Blumenkohl, grüne Bananen, Steaks …
Und ja, in Kitsault haben sie mich reingelassen und auch runter zum Pier. Montana, die Managerin wusste Bescheid.

Das ist das einzige Foto, was ich in Kitsault gemacht hab. Einer genau so spannenden Ghosttown wie Anyox, mit vielen Häusern, einer Arztpraxis, einer kleinen Shopping Mall, Schwimmbad und einer Schule. Alles seit dem Jahr 1983 verlassen und exakt so konserviert. Es gibt aktuell zwei Caretaker, die alles in Schuss halten.
Aber da Kitsault in Privatbesitz und derzeit en bloc vermietet ist darf man weder rein – noch Fotos machen. Wenn man schon mal da ist. Es ist mir wirklich schwer gefallen, dort nicht herumzuschleichen und über Kitsault eine Dokumentation zu schreiben. Aber sie wollten es nicht – und an diese Absprache hab ich mich auch gehalten. Daher: nur ein einziges Foto vom Pier in Kitsault, wo ich auf Swede gewartet hab. Mehr nicht.
Anyox hat eine aktive Mine, das ist ebenfalls Sperrgebiet. In Anyox werden die Schlacke Rückstände aus der damaligen Röst- und Schmelzanlage aufgearbeitet. Es handelt sich um ein schwarzes, krümeliges, hartes und sehr scharfkantiges Granulat, was sich vorzüglich als Grundstoff für Schleifmittel oder Sandstrahlmittel eignet.

Dieses vorgesiebte Schleifgranulat wird in Anyox auf einer schwimmenden Produktionsplattform in Barges (Wikipedia) verladen. Genau das war für ein paar Tage mein Zuhause. Ich war in einem Quartier für Arbeiter untergebracht, was ich durchaus gemütlich fand.

Es gab: Strom, Wasser aus einem Gebirgsbach in exzellenter Qualität, eine heisse Dusche, eine Elektroheizung im Zimmer, Starlink Internet und eine Küche in der ich erst mal sämtliche Pfannen geschrubbt hab. Nicht jeder mag dieses industrielle, rustikale Ambiente, wo Sauberkeit an zweiter (oder dritter) Stelle steht. Ich schon. Dazu kommt Swede, der Manager, der eine herzensgute Seele hat.
Im Moment schreibe ich an diesem Artikel, während ich draussen an einem Holztisch sitze und von der Produktionsplattform aus auf schneebedeckte Berge blicke. Es ist Montag und Swede hängt am Telefon, um anstehende Transporte zu organisieren. Im Hintergrund tuckert ein Strom Generator. Neben mir hat sich der Haushund Yogi nieder gelassen. Gelegentlich flitzt Yogi los, um einer frechen Seemöwe nachzujagen. Ich bin umgeben von zerbeulten Ölfässern, ausgedienten Schmutzwasserpumpen, rostigen Gasflaschen, Rollen mit Tauen, maritimen Schrott und abrasivem Granulat, was in jede Ritze weht.
Ich finde, es ist einfach nur herrlich hier.


Leben auf der Plattform. Perfektes Wetter hatte ich ebenfalls, auch in der Hinsicht hatte ich Glück.


Foto Highlights aus Anxoy – Kanadas grösster Ghosttown !
Für Fotografen, die auf Lost Place stehen ist Anyox ein einziges, riesiges Paradies. Wer es hier raus schafft hat das Privileg, Kanadas grösste Ghosttown zu besuchen. Zwei, drei Tage sollte man unbedingt einplanen, um die wichtigsten Highlights einzufangen. Bemerkenswert ist, dass es weder Vandalismus noch Graffiti Schäden gibt.

Am spektakulärsten und bekanntesten ist natürlich der um 1920 herum in den Bergen errichtete Hydrodamm, mit dem in Anyox Strom erzeugt wurde.

Anstatt mit viel Material einen massiven Damm aufzuschütten wurde mit Beton eine haltbare Konstruktion errichtet, für die viel weniger Material bewegt werden musste. Daher eine erstaunliche Arbeit, die bis heute steht.


Das hat den Damm entlastet und ihn somit bis zum heutigen Tage erhalten.



Überall wartet in Anyox Industriegeschichte darauf, entdeckt zu werden. Oder Spuren davon, so wie diese Dampflokomotive, die auf einem Rest Gleis kurz vor dem Hydrodamm steht.










Der Friedhof war schwer zu finden, ich hab dazu zwei Tage gebraucht. Du hast es dagegen als Besucher leichter. Ich hab den Pfad, der bei der Anlegestelle vom Arbeitercamp beginnt mit blauem Band markiert.





Ich hab eine erstaunliche Tierwelt entdeckt. Schwarzbären, die eher scheu sind laufen einem in Anyox ständig über dem Weg. Flitzen aber sofort wieder in den Wald, wenn man sie entdeckt.

Oft hört man Wölfe heulen, die hier unterwegs sind.





Die Wasserleitung, von der nur noch die Stahlringe übrig sind gehört zu dem roten Turm rechts. Dies war ein Druck Ausgleichbehälter. Der helle Betonturm ist der Schornstein vom Smelter, der Schmelzanlage.
Blauer Himmel, wenn man heutzutage durch den Schornstein guckt. Damals, als der Smelter in Betrieb war hat die Anlage jedoch für eine beispiellose Umweltverschmutzung gesorgt. Sämtliche Bäume in der Umgebung hatten keine Blätter mehr und die Menschen waren wegen der schlechten Luft oft krank.


In Anyox gibt es mehrere Überreste vom Camps, in ganz unterschiedlichen Zuständen. Ich hab komplett verfallene und längst überwucherte Ruinen entdeckt, die vor vielleicht 30 bis 40 Jahren bewohnt waren. Aber auch an einer anderen Stelle Wohncontainer für 50 Mann, nicht überwuchert und von denen die Hälfte der Kabinen noch halbwegs bewohnbar waren. Bei der anderen Hälfte hatte Wasser im laufe der Jahre seinen Weg ins Innere gefunden und alles zerstört.
Ein weiteres von mir entdecktes Camp ist sogar exzellent erhalten. Dort ist auch das Foto von dem Freilichtmuseum mit den gefundenen Artefakten entstanden. Im Camp sah es so aus, als könne die Mannschaft aus Minenarbeitern oder Bohrteams jederzeit zurück kehren. Ich hab eine voll ausgestattete Küche entdeckt, eine Wäscherei mit Trockner und Waschmaschine (hatten wir auf der schwimmenden Produktionsplattform beides nicht) und eine Garage mit einem scheinbar funktionstüchtigen Polaris 6×6 Quad. Schuhe und Gummistiefel standen zusammen mit grossen, wasserdichten Taschenlampen ordentlich in einem Regal. Die Kuchengeräte waren geputzt, sogar ein frisches Handtuch zum abtrocknen hing am Herd.
Steht dort alles einfach so und wartet darauf, dass es eines Tages jemand wie ich entdeckt.
Aber am häufigsten sind jedoch Überreste aus vom Feuer zerstörten Häusern oder Lagerhäusern.





Das Gegenstück zum in den Bergen gelegenen Hydrodamm ist das Generatoren oder Maschinen Haus, was sich fast auf dem Niveau vom Meeresspiegel befindet.





Anyox selbst ist riesig. Das für Archäologen oder Lost Place Liebhaber besonders interessante Gebiet erstreckt sich über rund 3 Quadratkilometer.


Fehler: die Wasserpumpe war im Winter geplatzt.
Ich hab die Waschmaschine kurzerhand mit einer Flex aufgeschnitten, weil man an die Pumpe nur sehr schlecht ran kam. Dann hab ich die Pumpe ausgebaut und repariert. Rechts auf dem Bild wäscht die Waschmaschine bereits wieder. Eine Frankenstein Reparatur, aber nur der Erfolg / die Funktion zählte, Optik war auf der Barge eher unwichtig.
Nach 10 Tagen war eine Versorgungstour zurück nach Kitsault angesetzt. Dort wartete ein bestellter Elektromotor für eins der Förderbänder als dringend benötigtes Ersatzteil.

All meine Erlebnisse hab ich Swede, dem toughen Anyox Manager zu verdanken. Ich fand die rostige Produktionsplattform, die eine Zeitlang mein Zuhause war, ziemlich cool. Ein wenig so wie die schwimmende Pirateninsel aus Waterworld, nur etwas kleiner. Industrieller Charme, der sehr gut zu Kanadas grösster Ghosttown, Anyox, und seinen vielen Relikten passte.
Ob ich eines Tages zurück kehren werde ? Es würde Sinn machen, mit noch mehr historischem Hintergrund Wissen Anyox erneut zu besuchen. Den Ort komplett unter Denkmalschutz zu stellen und behutsam die Geschichte dokumentieren – wäre sogar noch besser.
Bis dahin bleibt Anyox jedoch nur Zufalls Besuchern, dem kleinen Minen Team vor Ort und Abenteurern wie mir überlassen.
