Ghost Town Vibes im südlichen Alberta / Kanada

„Bitte gehen Sie weiter, es gibt hier nichts zu sehen“ – unterwegs in der endlosen Prärie im südlichen Alberta. Einer Landschaft Kanadas, die vor allem durch Wiesen & Weizenfelder geprägt ist, gelegentlich unterbrochen durch kleine Siedlungen. Unzählige Pisten ziehen sich zwischen quadratischen Parzellen schnurgerade bis zum Horizont, auf denen zur Erntezeit 9-achsige LKW Gespanne mit Weizen unterwegs sind. Aufgegebene Resthöfe zwischen den gigantischen, landwirtschaftlichen Flächen sind Zeugen eines Strukturwandels. Von kleinen familiären Farmen hin zu Genossenschaften, die tausende von Hektar bewirtschaften. Viele Ortschaften, denen mit dem Abbau einer Bahnlinie die Lebensader entzogen wurde, kämpfen jedoch gegen den Wegzug ihrer Bewohner, Verfall & Bedeutungslosigkeit an.

Ich bin auf authentische Ghost Towns gestossen, interessante Artefakte, jedoch auch auf Siedlungen, die sich den Charme einer idyllischen Kleinstadt bewahrt haben. Wo Kinder abends noch gemeinsam auf der Strasse spielen, anstatt irgendwo eingehegt zu sein. Eigentlich war ich auf der Flucht vor dem Winter zügig Richtung Süden in die USA unterwegs, aber das südliche Alberta hat sich für mich zu einer abwechslungsreichen Landpartie entwickelt.

Bahnübergang in Alberta an dem ein Güterzug vorbei fährt und einige Autos warten
Gemeinsames Warten am Bahnübergang, auf einen der kilometerlangen Züge die mit ca 60 km/h vorbei rumpeln.
Abendsonne beleuchtet drei Grain Elevator in Mossleigh
In diesen Grain Elevators wurde der Weizen gespeichert und dann auf Züge verladen. In Mossleigh.

Diese Bauwerke sind besonders markant für die nordamerikanische Prärie, die sich östlich der Rocky Mountains erstreckt. Manchmal ein „historic landmark“ so wie hier auf dem Bild, manchmal nur noch Ruine und ein Relikt aus der Vergangenheit.

Schatten vom DAF T244 LKW auf einem abgeernteten Feld
Eins der bereits abgeernteten Weizenfelder, Abends.
Schief stehende Ruine einer Scheune aus Holz
Viele der kleinen Farmer haben vor langer Zeit verkauft oder die Felder an Genossenschaften verpachtet.
Drei kleine Anzeigetafeln aus Holz auf denen nichts mehr zu lesen ist an einem blauen Fluss
Hier gibt es nichts mehr zu sehen.
Verrosteter historischer Pickup Truck vor einem Feld mit Windrädern im Hintergrund
Was für ein ikonisches Bild ! Ein altes Erdöl Auto, das vor sich hinrostet während im Hintergrund Windmühlen munter Strom erzeugen. Um einfach so nebenbei gratis eAutos zu laden, beispielsweise.
Schild der Center Street Eatery und ein Wasserspeicher in Arrowwood
Im halb verlassenen Arrowwood.
Gelbes Danger Schild bei dem die Farbe Risse bekommen hat und das durch Schrotkugeln getroffen wurde
Verfallene Scheune und Getreide Silo
Eine der typischen Scheunen aus Holz plus Silo, die beide nicht mehr gebraucht werden und dem Verfall preisgegeben wurden.
Eisenbahn Wagon der mit einem Geister Graffiti bemalt ist
Hier hab ich etwas geschummelt, denn das Bild ist in Aspen Crossing entstanden.

Dort gibt es einen sehr lebendigen Campingplatz mit diesem rollenden Spukhaus auf Schienen. Thematisch passt es aber gut zu meiner Bilder Sammlung mit Ghost Town Vibes.

Blaues Gebäude mit einem Hotel Schild
Das Hotel sah auch irgendwie verlassen aus …
Kollage mit drei Bildern das ein Stop Schild, ein braunes Warnschild und einen geheimnisvoll aussehenden Baum mit Astlöchern zeigt die wie Augen aussehen
Der Baum auf dem rechten Bild sah für mich wie ein Lebewesen mit Augen aus. Eine herrlich gruselige Entdeckung auf einem der leeren Campingplätze.
Braun verrostetes Auto Wrack vor einer braunen Scheune
Überreste verrosteter Autos gibt es überall, oft als stehen gebliebenes Auto Werbeschild wie dieses Fahrzeug.
Historisches Champion Savoy Hotel in Champion Alberta Kanada
Das historische Champion Savoy, in Champion Alberta, welches auch schon bessere Tage gesehen hat. Ein ehemaliges Spitzenhotel, welches mit dem Wegfall der Bahnlinie bedeutungslos wurde.

Retlaw – Geisterstadt mit Kirche & Akrostichon

Rostiges Bett mit Kunstblumen in einem Feld bei Retlaw
In Retlaw, einer Ghosttown mit Akrostichon (Wikipedia) und einem Caretaker. Für viele verschwundene Gebäude gibt es Schilder, die erklären, wer hier gewohnt hat oder welches Geschäft dort jeweils gestanden hat.

Die Kirche ist im Jahr 1992 tip top renoviert worden. Sie stand kurz vor dem Verfall und war nur noch eine schaurige Ruine.

Innenraum der Kirche in Retlaw mit Kirchenbänken aus Holz
Die Tür stand offen. Ich war dort ganz allein. Irgendwie ein magischer Besuch, mutterseelenallein über den leicht knarzenden Holzboden einer nur sehr selten besuchten Kirche zu gehen.

Retlaw hat so oder so eine interessante Geschichte. Der Ort wurde von Walter R Baker, einem führenden Manager der damaligen CPR (Canadian Pacific Railway) als „Railroad Town“ gegründet. Die Bahnlinie kam und damit auch ein auf dem Papier entworfener Ort, um Farmern ein Zuhause zu bieten.

„Retlaw“ ist „Walter“ rückwärts buchstabiert. Und auch in den anderen inzwischen verlassenen Orten der längst abgebauten Bahnlinie hat sich der pfiffige Bahnmanager verewigt: Retlaw, Enchant, Travers, Lomond, Armada und Winfield. (Google Maps mit Retlaw unten rechts)

Die Boom Zeit war von 1913 bis etwa 1939, danach verschwanden praktisch alle Gebäude. In dieser kurzen Phase hatte Retlaw sechs Grain Elevator / Getreideheber, ein Hotel mit drei Stockwerken, einer Bank, Polizei, über tausend Bewohnern und die im Jahr 1918 errichtete Kirche.

Mit einer (laut einer Infotafel, mir kam das zu schwer vor) dem fernen England nach Alberta importierten 1500 Pfund Kirchenglocke.

Endlose Felder bis zum Horizont in Retlaw
Endlose Weite in Retlaw, die ehemalige Eisenbahnlinie hab ich im Bild markiert.
Drohnenbild der Kirche in Retlaw mit in der Nähe parkenden DAF T244 LKW.
Nach dem Abbau der Eisenbahnlinie verschwanden auch die Häuser. Abgerissen, in andere Ortschaften versetzt, im Laufe der Zeit verfallen. Aber um die Kirche in Retlaw haben sich Freiwillige gekümmert.
Zwei Bilder von zwei kleinen Hütten in Retlaw die einen Versammlungsraum beherbergen und eine kleine Ausstellung über die Geschichte der Stadt

Ich bin bei meinen Erkundungen tatsächlich der ehemaligen Eisenbahnlinie gefolgt. Die ideale Vorgehensweise, um in Alberta möglichst interessante historische Orte und übrig gebliebene Artefakte aufzustöbern.

Weizenfeld mit Getreidesilo und verfallenen kaum noch zu erkennenden Hütten aus Holz
Die Dimensionen dieser weit gefassten Landschaft lassen sich jedoch nur schwer mit einem Bild einfangen.
Grain Elevator in Mossleigh
Diese Grain Elevator Türme aus Holz, hier nochmal aus einem anderen Blickwinkel, sind das landschaftsprägende Wahrzeichen Albertas. Oft wird versucht, dieses historische Erbe zu erhalten, nicht immer gelingt es.
Blauer Schienenbus der neben Gleisen abgestellt wurde
Das ist ein kleiner, blauer Schienenbus für zwei Personen, den ich in Skiff fotografiert habe.

Diese Wartungsfahrzeuge wurden zur Inspektion & Reparatur der Schienen verwendet. Inzwischen macht die CPKC das mit Pickuptrucks, die eine Erweiterung haben, um auf Bahnschienen fahren zu können.

Road Closed Schild vor einem abgeernteten Feld was bis zum Horizont reicht
Einsames Alberta.
Tanken an einer sehr alten automatischen Tankstelle ohne Personal
Tanken als Abenteuer ! Wenn das Provinz Terminal halb so alt ist wie man selber und nur mit kanadischen Kreditkarten funktioniert, die noch einen Magnetstreifen haben …

Rettung in der Not war dann eine super nette Kanadierin, die für mich mit ihrer Kreditkarte bezahlt hat. Ich hab ihr das Geld dann cash gegeben.

Getreidesilo mit verrostetem, rundem Eisen Dach und schwarz gelben Streifen
Ein alter Getreidesilo, kein Bunker, mit verwitterter dramatischer Bemalung.
Hellolivfarbener Grain Elevator
Ford F-100 Pickup Truck mit rostiger Motorhaube
Überall scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Ein alter Ford F-100 mit unübersehbarer Patina, der so alt ist wie ich.
Zwei Bilder mit Windmühlen im Windmühlenmuseum Etzikom
In Etzikom gibt es ein Windmühlen Museum.

Diese Mühlen dienten dazu, Grundwasser nach oben zu pumpen, um das Vieh damit zu versorgen. Teilweise sieht man diese robusten, sich selbst einstellenden Windräder immer noch im Einsatz.

Schild in Nemiskam Kanada vor einem leeren Grundstück auf dem in verwitterter blauer Schrift Future Home of K Mart steht.
Im verlassenen Nemiskam fotografiert: ein K-Mart, der nie gebaut wurde.

Pointe: Kmart gibt es in Kanada schon lange nicht mehr. Die Hudsons Bay Company übernahm Kmart Canada 1998 und machte alle Filialen zu „Zellers“ – oder schloss sie. Das Schild wartet daher seit über 25 Jahren auf einen Laden, den es im ganzen Land nicht mehr gibt.

Wrentham Grain Elevator an der Railway Ave
Charmanter Verfall in Wrentham, Grain Elevator an einer ehemaligen Bahnlinie.
Dodge Pickup Truck Wrack der einheitlich rostbraun ist
Ein fotogener, hübsch verrosteter Dodge Pickup Truck, zwischen verlassenen Häusern.

Viele Ghost Town Vibes daher im südlichen Alberta, wobei ich auch dazu sagen muss, dass nicht alle Siedlungen komplett verlassen sind. Viele Menschen sind geblieben oder ziehen absichtlich hier raus und schätzen die Abgeschiedenheit sehr.

Grenzübergang Aden – der einsamste Grenzposten

Krönender Abschluss meiner „South Alberta Ghost Town Tour“ war der Grenzübergang in Aden. Eher eine Zufallsentdeckung. Ich so, zu mir: „no way, die haben hier mitten im Nirgendwo – einen Grenzübergang ?“

Tatsächlich überqueren in Aden pro Jahr nicht viel mehr als 1000 Personen die Grenze zwischen Kanada und den USA. Ich war an dem Tag, da war es bereits fast Mittag, Auto Nummer 2.

Kleine Grenzstation Kanada / USA in Aden
Der kleine, harmlos aussehende Zaun im Vordergrund markiert die Grenze zwischen Kanada und den USA.

Pech für mich: die Grenzstation war so klein, dass sie nicht die biometrische Ausrüstung hatte, um das I-94 Visum (genauer: die Aufenthaltsgenehmigung) zu erneuern bzw auf neue 180 Tage zurückzusetzen. Der super nette Grenzbeamte hätte ja gerne, aber: es ging nicht.

Mir verbleiben damit rund 90 Tage in den USA und dadurch ist die Entscheidung für meinen weiteren Reiseverlauf gefallen: zunächst quer durch die USA, dann zum Jahresende wenn die Visa Tage ablaufen nach Mexiko.

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