„Bitte gehen Sie weiter, es gibt hier nichts zu sehen“ – unterwegs in der endlosen Prärie im südlichen Alberta. Einer Landschaft Kanadas, die vor allem durch Wiesen & Weizenfelder geprägt ist, gelegentlich unterbrochen durch kleine Siedlungen. Unzählige Pisten ziehen sich zwischen quadratischen Parzellen schnurgerade bis zum Horizont, auf denen zur Erntezeit 9-achsige LKW Gespanne mit Weizen unterwegs sind. Aufgegebene Resthöfe zwischen den gigantischen, landwirtschaftlichen Flächen sind Zeugen eines Strukturwandels. Von kleinen familiären Farmen hin zu Genossenschaften, die tausende von Hektar bewirtschaften. Viele Ortschaften, denen mit dem Abbau einer Bahnlinie die Lebensader entzogen wurde, kämpfen jedoch gegen den Wegzug ihrer Bewohner, Verfall & Bedeutungslosigkeit an.
Ich bin auf authentische Ghost Towns gestossen, interessante Artefakte, jedoch auch auf Siedlungen, die sich den Charme einer idyllischen Kleinstadt bewahrt haben. Wo Kinder abends noch gemeinsam auf der Strasse spielen, anstatt irgendwo eingehegt zu sein. Eigentlich war ich auf der Flucht vor dem Winter zügig Richtung Süden in die USA unterwegs, aber das südliche Alberta hat sich für mich zu einer abwechslungsreichen Landpartie entwickelt.


Diese Bauwerke sind besonders markant für die nordamerikanische Prärie, die sich östlich der Rocky Mountains erstreckt. Manchmal ein „historic landmark“ so wie hier auf dem Bild, manchmal nur noch Ruine und ein Relikt aus der Vergangenheit.









Dort gibt es einen sehr lebendigen Campingplatz mit diesem rollenden Spukhaus auf Schienen. Thematisch passt es aber gut zu meiner Bilder Sammlung mit Ghost Town Vibes.




Retlaw – Geisterstadt mit Kirche & Akrostichon

Die Kirche ist im Jahr 1992 tip top renoviert worden. Sie stand kurz vor dem Verfall und war nur noch eine schaurige Ruine.

Retlaw hat so oder so eine interessante Geschichte. Der Ort wurde von Walter R Baker, einem führenden Manager der damaligen CPR (Canadian Pacific Railway) als „Railroad Town“ gegründet. Die Bahnlinie kam und damit auch ein auf dem Papier entworfener Ort, um Farmern ein Zuhause zu bieten.
„Retlaw“ ist „Walter“ rückwärts buchstabiert. Und auch in den anderen inzwischen verlassenen Orten der längst abgebauten Bahnlinie hat sich der pfiffige Bahnmanager verewigt: Retlaw, Enchant, Travers, Lomond, Armada und Winfield. (Google Maps mit Retlaw unten rechts)
Die Boom Zeit war von 1913 bis etwa 1939, danach verschwanden praktisch alle Gebäude. In dieser kurzen Phase hatte Retlaw sechs Grain Elevator / Getreideheber, ein Hotel mit drei Stockwerken, einer Bank, Polizei, über tausend Bewohnern und die im Jahr 1918 errichtete Kirche.
Mit einer (laut einer Infotafel, mir kam das zu schwer vor) dem fernen England nach Alberta importierten 1500 Pfund Kirchenglocke.



Ich bin bei meinen Erkundungen tatsächlich der ehemaligen Eisenbahnlinie gefolgt. Die ideale Vorgehensweise, um in Alberta möglichst interessante historische Orte und übrig gebliebene Artefakte aufzustöbern.



Diese Wartungsfahrzeuge wurden zur Inspektion & Reparatur der Schienen verwendet. Inzwischen macht die CPKC das mit Pickuptrucks, die eine Erweiterung haben, um auf Bahnschienen fahren zu können.


Rettung in der Not war dann eine super nette Kanadierin, die für mich mit ihrer Kreditkarte bezahlt hat. Ich hab ihr das Geld dann cash gegeben.





Diese Mühlen dienten dazu, Grundwasser nach oben zu pumpen, um das Vieh damit zu versorgen. Teilweise sieht man diese robusten, sich selbst einstellenden Windräder immer noch im Einsatz.

Pointe: Kmart gibt es in Kanada schon lange nicht mehr. Die Hudsons Bay Company übernahm Kmart Canada 1998 und machte alle Filialen zu „Zellers“ – oder schloss sie. Das Schild wartet daher seit über 25 Jahren auf einen Laden, den es im ganzen Land nicht mehr gibt.


Viele Ghost Town Vibes daher im südlichen Alberta, wobei ich auch dazu sagen muss, dass nicht alle Siedlungen komplett verlassen sind. Viele Menschen sind geblieben oder ziehen absichtlich hier raus und schätzen die Abgeschiedenheit sehr.
Grenzübergang Aden – der einsamste Grenzposten
Krönender Abschluss meiner „South Alberta Ghost Town Tour“ war der Grenzübergang in Aden. Eher eine Zufallsentdeckung. Ich so, zu mir: „no way, die haben hier mitten im Nirgendwo – einen Grenzübergang ?“
Tatsächlich überqueren in Aden pro Jahr nicht viel mehr als 1000 Personen die Grenze zwischen Kanada und den USA. Ich war an dem Tag, da war es bereits fast Mittag, Auto Nummer 2.

Pech für mich: die Grenzstation war so klein, dass sie nicht die biometrische Ausrüstung hatte, um das I-94 Visum (genauer: die Aufenthaltsgenehmigung) zu erneuern bzw auf neue 180 Tage zurückzusetzen. Der super nette Grenzbeamte hätte ja gerne, aber: es ging nicht.
Mir verbleiben damit rund 90 Tage in den USA und dadurch ist die Entscheidung für meinen weiteren Reiseverlauf gefallen: zunächst quer durch die USA, dann zum Jahresende wenn die Visa Tage ablaufen nach Mexiko.