Die Essenz des Reisens

Ich hab in diesem Artikel eine Übersicht über die verschiedenen Möglichkeiten erstellt, unterwegs zu sein. Vom öko Transportmittel Fahrrad über den Geländewagen bis hin zum ausgewachsenen LKW. Je nach dem, wie man unterwegs ist, vergrößern / verkleinern sich die Vorteile und Nachteile der jeweiligen Reiseform.

Ein Motorrad ist extrem flexibel, aber man ist dem Wetter voll ausgesetzt. Ein Landrover verbessert diese Situation, ist aber immer noch kein wirklich bequemes Reisemobil für Langzeitreisen. Den Nachteil hat ein komfortabel eingerichteter LKW nicht, aber dafür werden die Abmessungen und die Kosten zu einem Problem.

Welches ist daher das richtige Reisegefährt ?

Man kann sich der Thematik auch mit einer ganz anderen Betrachtungsweise nähern, in dem man sich fragt: was ist
eigentlich die Essenz des Reisens ? Worauf kommt es beim Reisen wirklich an ? Welches sind die absoluten Basics, die erfüllt sein müssen, um glücklich unterwegs zu sein ? Das alles, bevor man überhaupt ein Reiseziel bestimmt.

Für mich sind die folgenden, substanziellen Dinge fürs Reisen wichtig: ich möchte Fahren, Schlafen, Essen, Sicherheit und ich muss aufs Klo.

Das sind die 5 Basics. Erst dann kommt die Frage, wo es eigentlich hingehen soll. Mit welchen Fahrzeug. Welche Erlebnisse geplant sind. Wie viele Pausen man unterwegs macht. Wie lang die Reise dauert. Und mit wem – und so weiter.

Meiner Meinung nach verkauft einem (unter anderem) die „Allrad Messe Bad Kissingen“ einen Weltreise Traum in der Gestalt, daß sowas überhaupt nur mit einem perfekt ausgerüsteten Weltreisemobil und selbstredend nur mit 4×4 möglich ist. Was irgendwo bei 75.000 Euro für ein Fahrzeug anfängt und rasch bis 500.000 ansteigt. Fleißig mithelfen tun dabei Influencer und Youtube. Keine Frage, so ein voll ausgestattetes Luxus Expeditionsmobil ist toll. Wenn mir einer so einen fast 4 Meter hohen Boliden für Testzwecke vor die Tür stellen würde, wäre mein Zögern nur wenige Sekunden lang. Um dann nach etwas zieren und Bedenken anmelden begeistert damit losbrausen. Warum auch nicht.

Und hoffentlich nicht einen einzigen, klitzekleinen Kratzer in die 8-fach lackierte Aussenhaut zu machen.

Aber braucht man das wirklich ? Beim Reisen zählt das Vorankommen, Abendbrot und eine gute Nachtruhe. Das alles findet man durchaus in einem älteren, selbst ausgebauten Kastenwagen. Nur viel, viel billiger.

Als mein DAF T244 umgebaut wurde, um die schwere Pritsche zu ersetzen hab ich in der Metallbaufirma neben einem neuen Mercedes Zetros gestanden. Dieser schwere Gelände LKW wurde (bzw wird) auf Wunsch des Besitzers zu einem Expeditionsmobil oder kurz ExMo umgebaut. Der Zetros hat permanenten Allradantrieb, Geländeuntersetzung, drei Differentialsperren und eine Wattiefe von über einem Meter. Er wiegt ganz grob um die 14 bis 16 Tonnen. Bei einem neuen Fahrzeug ist ein Ausfall nicht sofort zu erwarten, aber der Zetros ist vollgestopft mit komplizierter Technik und Aggregaten. Mit AdBlue ist der Motor tatsächlich um Längen sauberer als der Cummins ohne Kat im DAF.

Die Aufbau Kabine wurde zunächst mehrfach lackiert. Das Fahrzeug wurde um Staukästen, Zusatztanks, einen Kran für das Ersatzrad erweitert. Der Zetros hat die Reifengröße 14.00R20, also wiegt ein Rad mit Felge um die 120 kg. Die Pritsche wurde durch einen eigens konstruierten Zwischenrahmen ersetzt. Ausserdem gibt es für die Familie einen Wohnanhänger, der ebenfalls gebaut und ausgerüstet wurde.

Zwischendurch stand das Fahrzeug beim Besitzer und ich hab dann durch Zufall mitbekommen, daß er einen Fahrer gesucht hat, um den Zetros erneut für weitere Umbauten, Verbesserungen, Optimierungen usw in die Metallbaufirma zu bewegen. Der Besitzer hat sich nicht getraut, den für schwere Geländeeinsätze gebauten Truck aus dem zugeparkten Wohngebiet zu manövrieren.

Das konnte ich (als LKW Quereinsteiger) sofort nachvollziehen. Im Gegensatz zum DAF T244, bei dem man auf dem Motor sitzt und eine ausgezeichnete Übersicht hat, blickt man beim Mercedes Zetros auf eine lange Motorhaube hinab. Das Fahrzeug ist über 9 Meter lang, durch enge Kurven in einer Wohngegend kommt man damit schlecht. Ich bin mit meinem Fahrzeug vertraut und halte meine 7,5 Meter für gerade so eben noch gut handelbar. An was für Grenzen man jedoch schnell stößt, hat mein Urlaub auf Menorca gezeigt. Dort hieß es beim Beladen der Fähre: LKW Fahrer aufgepaßt, bitte Rückwärts ins Schiff und ganz hinten Rückwärts die Rampe runter auf Deck 1 !

Ich bin mit meinem Truck seit 5 Jahren unterwegs und hab das Manöver gut hinbekommen, auch wenn es sehr aufregend war, aber auf gar keinen Fall hätte ich das mit einem zusätzlichen Anhänger für die Familie geschafft oder überhaupt mit einem wuchtigen 16 Tonner versucht. So viel Erfahrung hab ich dann doch nicht. Nichts anderes geht dem Zetros Fahrer durch den Kopf vermute ich, aber bereits zu Hause im Wohngebiet.

Ich hatte auf Menorca ausserhalb der Saison aber eine super gute Zeit mit meinem Truck, die ganze Geschichte ist hier:

Menorca mit 7,5 Tonnen und 7,5 Metern

Meiner Meinung nach wird der Zetros Besitzer dieses ansich coole Fahrzeug nie wirklich fahren. Den Traum einer Abenteuerreise wird er immer weiter verschieben, weil das Fahrzeug ja noch nicht perfekt genug ist und es stets weiterer Optimierungen bedarf. Die Vorstellung einer weiten Reise mit einem unbezwingbarem Fahrzeug, begleitet durch Video Drohne, Youtube Kanal und Instagram wird aber vielen Menschen auf Allrad Event Messen und durch den von Youtube befeuerten 4×4 ExMo Trend genau so verkauft.

Es ist jedoch besser, sich auf die Essenz des Reisens zu besinnen, die aus Fahren, Schlafen, Essen, Sicherheit & Klo
besteht. Um sich dann für ein passendes Fahrzeug zu entscheiden, was genau dafür ausreicht, gut handelbar ist und nur 10% von einem ExMo mit Vollausstattung kostet.

Ein Citroën 2CV als Reisefahrzeug mit farbenfroher Bemalung. In der Ente können zwei Personen übernachten.

Denn die Reise, das Ankommen und das Erlebnis sollte im Vordergrund stehen, nicht das Fahrzeug selbst und die Aussendarstellung. Das kann alles auch mit einem klitzekleinen Fahrzeug gelingen !

Fahren

Fahren muss zunächst einmal nicht Fahren mit einem Auto heißen. Denkbar wäre auch ein kleines Boot.

Beim Reisen auf der Piste gibt es aus meiner Sicht nur zwei relevante Parameter: die Kosten und der Komfort.

Je länger die angestrebte Reise ist, um so wichtiger werden Komfort und die reinen Betriebskosten. Diese setzen sich aus Sprit, notwendigen Reparaturen und Verschleißteilen zusammen.

So ein LKW parkt für drei und tankt für zwei, was ein ordentliches Loch in der Urlaubskasse verursachen kann. Dafür kann ich in meinen DAF T244 ermüdungsfrei 500 Kilometer pro Tag Richtung Urlaubsziel überführen und dabei noch Musik hören. Ich find den schon ziemlich komfortabel …

Wer sehr viel Zeit hat und nur einmal pro Woche den Standort wechselt, um 100km weiter zu fahren, benötigt kein besonders komfortables Fahrzeug. In dem Fall stört ein sehr lautes Fahrzeug wie der Ur-Unimog oder ein sehr durstiger Mercedes Kurzhauber nicht weiter. Wer mit sowas aber eilig quer durch Norwegen fährt, bringt an der Tankstelle jede Kreditkarte zum glühen und hat vom Lärm Watte in den Ohren.

Über 90% meiner Zeit bin ich ansonsten auf Strassen oder Pisten unterwegs. Der DAF T244 hat keine drei Differentialsperren, aber die hab ich persönlich auch noch nie gebraucht. Sofern keine Afrika Durchquerung inklusive Besichtigung der Nil Quellen geplant ist, kann man bei der absoluten Geländegängigkeit von einem Fahrzeug durchaus Abstriche machen. Oder diese notfalls mit Schneeketten erhöhen. Grobstollige Reifen, viel Bodenfreiheit, Allrad und ein guter Böschungswinkel sorgen allerdings für notwendige Reserven, wenn die Piste sich verschlechtert.

Ein geländegängiges 4×4 Fahrzeug hilft in dem Fall tatsächlich, einen kühlen Kopf zu bewahren.

Schlafen

Hast du kein Problem damit, ein Jahr lang im Zelt zu verbringen, so wie es Wigald Boning in seinem Buch „Im Zelt“
schildert ? (Ganzer Titel: Im Zelt. Von einem der auszog, um draußen zu schlafen). Dann brauchst du nur ein ganz kleines Fahrzeug oder sogar überhaupt keins. Die Kunstfigur des Gag Entertainers Wigald Boning mit gestelzten Formulierungen und Hornbrille fand ich immer etwas nerdig. Aber so eine Nummer durchzuziehen und während des laufenden Berufslebens ein Jahr bei jedem Wetter stets draussen im Zelt zu nächtigen nötigt mir erheblichen Respekt ab !

Ein bequemes geschütztes Bett, in dem man Sandsturm oder Wolkenbruch übersteht findet sich bereits in einem Kastenwagen mit Matratze. Viele Overlander sind tatsächlich nur in einem Mercedes Vario oder Geländewagen mit Dachzelt unterwegs und schlafen darin herrlich. Solange die Temperaturen Nachts keine Extremwerte erreichen. Ohne vernünftige Stehhöhe krabbelt man aber mitunter auf allen Vieren im Reisefahrzeug herum.

In einem LKW Aufbau zieht echter Komfort ins Overlander Leben ein: ein Doppelbett für reisende Pärchen mit richtiger Bettdecke und nicht nur so einem engen, muffigen Schlafsack. Eine Stehhöhe von mindestens 1,80 ist ebenso selbstverständlich wie eine Diesel oder Gas Luftheizung für behagliche Temperaturen in der Nacht. Wenn dir (oder euch) das wichtig ist, reicht ein Geländewagen eventuell nicht.

Sicherheit

Im PKW oder Camper ist man verwundbarer als im LKW. In so eine hoch gelegene Kabine kann man schlecht reingucken und noch schlechter reinklettern. Das alles stellt für einen Dieb oder Räuber ein Hindernis dar. Ein (selten vorkommender) Raubüberfall kann aber beide Fahrzeugtypen treffen und selbstverständlich auch Leute im Zelt.

Am ehesten vermeidet man durch sein Verhalten brenzlige Situationen oder reduziert die Wahrscheinlichkeit, wie ich in
einem eigenen Artikel beschrieben hab. Mit einer rollenden Festung unterwegs zu sein halte ich für unsinnig.

Beim Thema „Sicherheit“ denke ich eher an den Schutz vor Unfällen. Unfälle im Strassenverkehr sind tödlicher und viel wahrscheinlicher als Diebstähle oder Überfälle. Und da läßt sich bei allen Fahrzeugen durch defensive Fahrweise und Vermeidung von Stress & Übermüdung viel erreichen. Fahre und Lebe so, daß Du gesund bleibst.

Anstatt einem Lenkradschloss würde ich mich daher eher um eine schlagkräftige Reiseapotheke kümmern und um einen gescheiten Erste Hilfe Kasten.

Kochen / Essen

Mahlzeiten kann man – denk ich – rasch abhaken. Selbst auf dem Fahrersitz läßt sich ein durchs Fenster gereichter Snack von McDonalds verspeisen. In jeder noch so abgelegenen Gegend finden sich Restaurants oder ortsübliche Imbissbuden. Unterwegs verhungert und verdurstet man nicht, es stellt sich eher eine Frage, wie komfortabel man es haben möchte und wie wichtig einem die eigene Küche im Fahrzeug ist.

Der Einstieg ist ein Trangia Strandkocher, der Nudeln kocht, Suppen erwärmt und für heißen Kaffee sorgt.

Ein LKW Aufbau hat gegenüber dem Geländewagen den Vorteil, daß man drinnen und damit wetterunabhängig richtig kochen und backen und Heissgetränke zubereiten kann. Ich kenne allerdings viele LKW Behausungen, wo von dem vierflammigen Gasherd + Backofen immer nur eine Flamme benutzt wird: ausschließlich für Kaffee, 1x morgens.

Toilette, Dusche

Kann es etwas schöneres geben als früh morgens um 4:30h wach zu werden – draussen regnet es in strömen – und man macht auf seinem höchst eigenen Kabinen Klo ein eben solches Bächlein, um dann zum weiterschlummern wieder ins warme Bett zu krabbeln ?

Wenn du das auch schätzt, ist ein LKW mit richtiger Kabine oder ein Campingwagen genau das richtige für dich. Dort ist dann ein Chemieklo oder (noch besser) eine Trenntoilette verbaut. Im Bulli wird das schon schwieriger zu realisieren sein und im Geländewagen überhaupt nicht. Da bleibt nur der Weg zum Klo vom Campingplatz (hoffentlich) oder in den Wald, womit ich ein ziemliches Streit Thema und ständiges Ärgernis anschneiden muss.

Die meisten outdoor Ethusiasten übersehen, daß ihre Hinterlassenschaften gekrönt von einem sich nicht zersetzenden
Papiertaschentuch ziemlich lange überdauern. In vielen Blogs wird die Natur zum Wohnzimmer und zur Küche verklärt.
Hinterlassene Scheißhaufen, wenn die Natur als Müllkippe für Fäkalien und Klopapier herhalten muss bleiben da gern unerwähnt.

Das ist auch einer der Gründe, warum sich inzwischen ganze Länder mit Verboten gegen wildes camping wehren. Zu viele Leute halten zu viele eigentlich traumhafte Plätze für ihr Klo und scheissen dort wochenlang von vorne bis hinten alles zu. Plus Vierbeiner ohne Leine, die gelegentlich auch den Drang verspüren, einen Haufen zu machen.

Auf stark besuchten Plätzen zum „frei stehen“ geht es meiner Meinung nach nicht mehr ohne Kontrolle und ein mitgeführtes Klo. Wenigstens ein Kackstuhl (Dreibein mit Plastikfolie zum einlegen) sollte Voraussetzung für ein längeres Verweilen sein.

Mit dem Kackstuhl (sorry wegen der Wortwahl, aber das beschreibt es einfach zu gut) gibt es gerade für einfache Fahrzeuge und ihre Insassen die Möglichkeit, sich halbwegs zivilisiert und nicht wie in der Steinzeit zu benehmen. Wer persönlich damit zurecht kommt, ist dafür nicht auf ein Fahrzeug mit großer Kabine und Chemieklo angewiesen.

Ich verbringe pro Tag ansonsten etwa 0 Stunden und 10 Minuten auf der Toilette und 23 Stunden + 50 Minuten nicht auf der Toilette.

Eine simple Waschgelegenheit kann man mit einfachen Kanistern und einem Plastik Ausgießbecken aus dem Baumarkt realisieren.

Ähnlich einfach verhält es sich mit der Dusche. Mit einer Akkubrause und nur 5 Liter Wasser kann man sich komfortabel einseifen und abbrausen. 5 Liter Wasser bekommt man immer irgendwie warm und tatsächlich reicht diese augenscheinlich geringe Menge Wasser, um Schweiß und Staub abzuwaschen. Inklusive Kochen, Tee, Kaffee, Waschen & Dusche komme ich mit 10 Liter Wasser pro Tag ganz gut zurecht.

Eimer und Akku Brause als outdoor Dusche

In meiner Kabine ist aus Platzgründen leider keine Dusche. Für belebte Plätze hab ich für draussen zusätzlich ein Duschzelt, was sich flach zusammen legen läßt. In dem zieht man sich um und packt die Wäsche in eine Weithalsflasche, in der bereits das trockene Handtuch wartet. Mit Hilfe der der Akkubrause seift / braust man sich mit warmen Wasser aus dem Eimer ab. Hilfreich ist eine einfache Gummimatte als Unterlage, falls man auf einer Wiese oder an einem Acker steht.

Bei Kälte und Wind funktioniert das ganze allerdings nicht so gut.

Zusammenfassung

Das, was ich hier geschrieben habe ist eigentlich ein Appell fürs Reisen.

Fremde Gesellschaften und unbekannte Landschaften kennen zu lernen ist wahnsinnig spannend. Wir sind mit einem Reisepass aus Europa und harten Euros gesegnet, was das einfach so ermöglicht. Aber viele Reise Fahrzeuge werden nicht über den lokalen Steinbruch und Allrad Poser Messen hinaus bewegt und dafür ständig daueroptimiert.

Mein Rat wäre, sich bei der Fahrzeugwahl vor dem Kauf auf die wesentlichen Punkte Fahren, Schlafen, Essen, Sicherheit und Klo zu besinnen. Wie viel braucht man davon ?

Dann sollte schnell klar werden, daß zumindest das trendige ExMo mit 16 Tonnen, allen vorstellbaren Differentialsperren, beheizter Klobrille und integrierter Regenwalddusche zwar super toll, aber auch viel zu teuer, langwierig in der Planung und Anschaffung und viel zu umständlich für das eigentliche Vorhaben ist.

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