Mittel & Methoden gegen Reisekrankheit, nie wieder Seekrank

Ich werde praktisch sofort Seekrank, wenn ich auf einem Schiff bin und das OMG auch noch ablegt. Und Leute, die sich auch noch ein Schiff kaufen wollten halte ich schlichtweg für verrückt. Da ich auf den letzten Seereisen jedoch Glück hatte bin ich (selbstkritisch betrachtet) wohl zuletzt etwas sorglos und nachlässig geworden, was eine Vorsorge gegen eine Reisekrankheit / Motion Sickness betrifft. Was ich hiermit aus konkretem Anlass nachholen möchte, den der letzte Trip zu den Färöer Inseln fand mit der NORRÖNA statt – und war der Horror.

Die Norröna ist ein richtiger Kotzkahn. Gebaut 2002 in Deutschland war sie das letzte Schiff, was die Flender-Werft vor der Insolvenz mit schwindenen Ressourcen zusammengeschustert hat – und auf eine vernünftige Schlingerdämpfung haben sie dabei verzichtet. Die Crew weiß das ganz genau und folgerichtig steuern sie die Faröer Inseln nicht direkt an, sondern fahren so lang es geht direkt im Lee an der norwegischen Küste entlang. Damit die Gäste wenigstens das erste Abendessen geniessen können. Sobald die Norröna den offenen Atlantik erreicht hat, geht die Schaukelei jedoch los. Das Schiff schlingert und giert, auch bei geringem Seegang.

Mir war über einen Tag lang hundeelend schlecht und ich hab gekotzt, bis nichts mehr kam. Danke, Smyril Line !

Der Verkaufsschlager an der Rezeption sind dann Koffinautin Tabletten, gegen Seekrankheit. Bis zum Tresen hätte ich es aber nicht einmal mehr auf allen vieren geschafft. Mir war so elend wie seit Jahren nicht mehr und mit dem magenzermürbenden auf und ab war erst Schluss, als in Torshaven angelegt und festgezurrt war. Wenigstens hat das Schiff einen irgendwie passenden Namen. Denn das Geräusch, was man auf dem Klo beim Kotzen macht klingt tatsächlich wie noooorrrööööönnaaaa.

Aber nun zu den Mitteln, um dem zu entgehen. Hoffentlich ! Mir steht ja noch die Überfahrt nach Island bevor – und irgend wann die Rückreise. Da es nur dieses eine Schiff gibt für Trucks (ohne Scheiß, ein geniales Monopol) ergeben sich offenbar noch ein paar Gelegenheiten für mich, Medikamente aus dem Bereich der Antiemetika zu testen.

Das folgende kann die Chemische Industrie für uns tun:

Diphenhydramin (in Emesan, Koffinautin, Vomex, Superprep)
Eine Kusrstoffdose mit 25 Koffinautin Tabletten und zwei Blisterverpackungen Emesan gegen Seekrankheit

Das ist der wirksame Bestandteil der bei uns erhältlichen Vomex Tabletten, mit Dimenhydrinat 50 mg pro Tablette. Diphenhydramin ist ebenfalls Bestandteil der Superpep Kaugummis gegen Reisekrankheit.

In den Koffinautin Tabletten, welche an Board der Norröna einfach so over the counter verkauft werden ist 50 mg Diphenhydramin und 50 mg Koffein enthalten. 50 mg Koffein entspricht etwa einem Espresso.

Diphenhydramin macht als Nebenwirkung müde. Koffein wirkt dem entgegen und sorgt dafür, daß die Leute an Board noch beim Bingo mitmachen können anstatt früh ins Bett zu gehen.

In Deutschland ist Diphenhydramin als Emesan im Handel, eine Tablette hat 50 mg. Das Medikament braucht etwa eine Stunde, um die Wirkung zu entfalten.

Diphenhydramin wird hauptsächlich in handelsüblichen Antiemetika eingesetzt.

Dosierung: die Wirkung einer Tablette sollte ausreichend sein und hält etwa 3 bis 5 Stunden an.

Wirkungsweise: H1-Antihistaminika

Scopolamin (in Scopoderm)
Eine Packung Scopoderm gegen Übelkeit und Seekrankheit

1 mg als Hautpflaster Scopoderm. Das Pflaster wird im Nacken auf die Haut hinter dem Ohr geklebt und gibt den Wirkstoff Scopolamin über die Haut ab. Der Hersteller verspricht eine Wirkungsdauer von bis zu 72 Stunden. Sinnvoll ist, das Pflaster ein paar Stunden vor dem Beginn der Schiffreise aufzukleben. Es braucht eine gewisse Zeit, bis der Wirkstoff durch die Haut diffundiert ist und seinen Weg in den Kreislauf und das Gehirn gefunden hat.

Mögliche Nebenwirkung: Lichtempfindlichkeit durch die Erweiterung der Pupille. Mich hat das Medikament müde gemacht. Einfach nur dösen, bis das Schiff anlegt war in meinem Fall allerdings eine erwünschte Wirkung. Ich war froh darüber, daß mich das Zeug etwas weggeschossen hat.

Die Handhabung ist sehr sicher und die Wirkung hält lange an. Eine Überdosierung ist im Gegensatz zu Tabletten ausgeschlossen.

Wirkungsweise: M1-Muskarinischer Acetylcholinrezeptor

Cyclizin (GoTur, Marzine, Valoid – nur in Dänemark oder den Färöer Inseln)
GoTur Tabletten gegen Reisekrankheit und Seekrank

Der Wirkstoff Cyclizin ist in Deutschland leider nicht zugelassen. Er wirkt stärker antiemetisch und weniger sedierend als andere Antihistaminika. Eine Tablette enthält 50 mg Cyclizin.

Wirkungsweise: an Acetylcholin und Histamin Rezeptoren

Meclozin (nur in Dänemark / Färöer als Postafen)
Packung Postafen Tabletten mit dem Wirkstoff Meclozin

Nur auf den Färöer Inseln hab ich noch Meclozin gefunden, das ist dort als Postafen im Handel.
Meclozin soll gegenüber Diphenhydramin den Vorteil haben schneller zu wirken. Es wurde bis 2007 in Deutschland gegen Übelkeit während der Schwangerschaft eingesetzt und ist inzwischen (bei uns) nicht mehr im Handel. Die Wirkung ist für Schwangere jedoch gut belegt und die Anwendung sicher.

Wirkungsweise: an Histamin H1-Rezeptoren

Gibt es auch etwas ohne Chemie ?

Tatsächlich gibt es da einige Möglichkeiten. Vitamin C – baut Histamin ab, was Übelkeit erregend ist. Ingwer wird ebenfalls nachgesagt, eine antiemetische Wirkung zu haben. Ingwer gibt es auch als Tee, was mancher vielleicht lieber mag als roh oder kandiert. Vermeiden kann man auch, den Magen vorab zu irritieren. Ich trinke sehr gern Kaffee und heiße Schokolade, weiß aber, daß beides bei mir den Magen leicht verstimmen kann.

Der Konsum von Vitaminen und Ingwer eine Stunde vor der Reise und der Verzicht auf Kaffee + Schokolade ist in Verbindung mit viel frischer Luft, Blick auf den Horizont und einer tiefen Atmung daher eine gute Strategie. Zur Not kann bereits ein geschälter Apfel zwischendurch genug Vitamin C bereit stellen. Ideal sind diese sprudelnden Vitamintabletten.

Ein Genuss von Ingwer & Vitamin C sollte sich zudem gefahrlos mit den oben genannten Medikamenten kombinieren lassen.

Manchen Menschen helfen Armbänder, die an beiden Handgelenken eine Akupressur machen.

Flach hinlegen mit dem Magen nach unten bekam mir als Schonhaltung am besten und ist besser als aufrecht Stehen. Oder folgendes ausprobieren: auf die Linke Seite legen, der Magenausgang zeigt dann nach oben. Das kann angenehmer sein als ein liegen auf der Rechten Seite.

Nur halbe Portionen essen, wenn man auf dem Schiff ist, nicht vollfuttern. Aber auch nicht mit leerem Magen aufs Schiff gehen. Ich hab in anderen Situationen mit den amerikanischen MRE gute Erfahrung gemacht. Die verträgt man komischerweise auch dann noch, wenn man echt ziemlich angeschlagen ist.

Am wichtigsten: den Horizont betrachten, wenn das Schiff schwankt. Das hilft meiner Erfahrung aber nur in der Anfangsphase. Ist einem erst einmal so richtig kotzübel – hilft selbst das Abschalten der Augen nichts mehr. Nur logisch, denn die ausgeschütteten Histamine randalieren dann ja bereits in der Blutbahn.

Dann gibt es noch die Möglichkeit sich der Seekrankheit zu stellen. Daher: einmal richtig krank zu werden und dann hat sich der Körper dran gewöhnt. Bei mir funktioniert dieses traditionelle Konzept allerdings nicht. Ich werd grundsätzlich und immer wieder seekrank. Mir wird ja sogar schon auf einer Kinderschaukel im Park schlecht (Nestschaukel ist dagegen okay). Heide Park = vergiss es. In dem Fall hilft dann leider nur, es entweder sein zu lassen mit dem Vorhaben der Seefahrt – oder Tabletten zu nehmen.

Weitere Mittel

Ich bin bei meinen Recherchen noch auf andere Medikamente gestoßen, die ebenfalls ein antiemetisches Potential haben. Aber: bei uns nicht erhältlich oder zu teuer sind. Der Vollständigkeit halber führe ich sie einfach Mal auf. Eventuell ergibt sich ja zu einem späteren Zeitpunkt ein Nutzen daraus. Oder für Reisende in einem anderen Teil der Welt als Europa.

Granisetron (Antiemetikum mit guter Verträglichkeit)
In den USA: Kevatril, Axigran, Ribosetron, Kytril, Sancuso (transdermales Pflaster), diverse Generika

Alizaprid (Dopamin Blockade)

Vergentan (selber im Rahmen vom Hexenschuss und zur Vorbereitung auf deswegen notwendig gewordene Opiate ausprobiert. Hab ich persönlich sehr gut vertragen, ist aber als Medikament zur Vorbereitung einer Chemotherapie nur schwer zu bekommen)

Promethazin

Aprepitant, Handelsname Emend

Geradezu inflationär wird Metoclopramid (MCP) gegen „Übelkeit“ verschrieben. Ich würde einen Einsatz grundsätzlich mit einem Arzt abklären, da dieses Medikament meiner persönlichen Meinung nach zu viele mögliche Nebenwirkungen hat.

Disclaimer ! Ganz wichtig !

Antiemetika (Anti Kotz Mittel) sind kontraindiziert (= eine ganz schlechte Idee), wenn der Brechreiz in Folge einer Abwehrreaktion des Körpers auftritt. Zum Beispiel bei einer Lebensmittelvergiftung oder einer Bakteriellen Erkrankung. Dann müssen die krank machenden Giftstoffe so schnell es geht oben und unten wieder raus. Erbrechen (Brechdurchfall) ist in dem Fall medizinisch sinnvoll und erwünscht.

Antibrechmittel dürfen daher nur ganz gezielt eingesetzt werden, wenn der Schuldige zweifelsfrei fest steht. Das trifft zum Beispiel auf das Passagierschiff Norröna zu, die keine Bakterie ist sondern ein Stahlschiff als Verursacher der Seekrankheit.

Alle hier genannten Medikamente haben Nebenwirkungen und Gegenanzeigen (=dürfen bei bestimmten Erkrankungen des Menschen wie z.B. der Augenerkrankung „Glaukom / grüner Star“ nicht eingenommen werden) auf die ich aus dramaturgischen Gründen nicht ausführlich eingegangen bin.

Hast du irgend eine Vorerkrankung ? Dann kläre den Einsatz von egal welchem Medikament bitte vorsichtshalber mit einem Arzt ab.

Vorwitzige Internetblogs von sich sofort übergebenden Möchtegern Weltreisenden ersetzen nicht den Rat eines Arztes.

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