Zu Besuch bei den Menschen im Iran – Mai 2019 – Anhalter

Ich hab tatsächlich 2x versucht, Anhalter mitzunehmen. Das ist im Iran eine sehr übliche Form des reisens. Man wartet einfach am Strassenrand und zahlt dem zufällig vorbeikommenden und Anhalter mitnahmewilligen Fahrer einen kleinen Betrag. Beide Male war es den Iranern aber nicht geheuer, in den ex-Militär Truck einzusteigen, obwohl die Route trotz Sprachschwierigkeiten jeweils klar war: nämlich der einzigen Strasse folgend in die nächste Stadt. Angst vor mir hatten ein Papa mit ca 5-jährigem Sohn und eine ältere Frau. Beide hätten eine coole Fahrt gehabt, inklusive Snacks.

Komplett anders war ein Bauer drauf, der sich mir in den Bergen beim Kaspischen Meer mehr oder weniger in den Weg gestellt hat und wie selbstverständlich auf den Beifahrer Sitz geklettert ist, mit Stock. Ich so: Öhhm ja, der will jetzt offenbar mitfahren.
250 Höhenmeter später warteten seine Kühe mitten auf der Strasse auf ihn. Kurzer Dank mit einem Nicken und schon war er wieder draussen und bei seinen Tieren. Ich hab das aber sehr gern gemacht und war regelrecht erleichtert, für die durchweg hilfsbereiten und gastfreundlichen Iraner endlich auch Mal etwas tun zu können.

Sehr angenehm lief es auch mit Wolfgang, der mich in die Wüste begleitet hat. Sowohl Wolfgang als auch ich sind eigentlich Alleinreisende. Für uns beide war es, denke ich, eine neue Erfahrung, sich über mehrere Tage auf eine Reisebegleitung einzustellen. Wolfgang ist Frührentner und war im Iran hauptsächlich als Rucksack Tourist mit dem Bus unterwegs. Fand ich gut ! Keine organisierte Tour, wo nur zum Selfie Stop angehalten wird und das Restaurant fest steht. In die Wüste fährt aber kein Bus, er war daher auf eine Mitfahrgelegenheit angewiesen. Ich hab ihn im Hotel in Kerman kennen gelernt und schnell festgestellt, daß wir in etwa die gleiche Wellenlänge haben. Daher hab ich zugestimmt, ihn (experimentell) in die Wüste mitzunehmen. Das hat gut geklappt, es paßte und wir haben beide versucht, aufeinander Rücksicht zu nehmen. Aber es sind auch Sachen (leicht) schief gegangen, von denen man lernen kann, worauf man bei einer gemeinsamen Reise achten sollte. Daher im Folgenden eine Analyse anstatt Kritik.

So war es ein Ziel, die Kaluts zu besuchen. Das sind von Wind und Erosion erschaffene Berge, die wie Hochhäuser in der Wüste aufragen. Da es in der Wüste 50 Grad und mehr werden kann ist es nicht verkehrt, so eine Tour zu zweit (oder besser noch mit zwei Fahrzeugen) zu machen. Die Kaluts sind ansonsten eine Sand / Steinwüste mit größtenteils festem Boden und sehr gut befahrbar. Allrad, genug Bodenfreiheit, sichere Navigation und Wasser Reserven für mehrere Tage sind allerdings Pflicht.

Ich wußte, daß sich die Kalut Formationen irgendwie in der Wüste befinden. Bei dem letzen Wüstendorf waren die „Kaluts“ aber Richtung Berge ausgeschildert, daher in der Gegenrichtung. Ich hab mich dann mit Wolfgang darauf geeinigt, daß wir erst in die
Wüste fahren, dann auf dem Rückweg die ausgeschilderten, vermeintlich weiteren „Kaluts“ mitnehmen. Bei der eigentlichen Wüstentour war es Wolfgang dann aber etwas unheimlich, ob ich mich mit meinem Fahrzeug nicht festfahre und er ist lieber in der Oase geblieben. Ich bin daher mit meinem Truck alleine durch die Kaluts gekurvt, was so ja eigentlich nicht gedacht war. Auf dem gemeinsamen Rückweg aus der Wüste hat sich dann herausgestellt, daß die Ausschilderung „Kaluts“ nicht in die Berge geführt hat, sondern als Umleitung um das Dorf herum – 50 km Richtung genau der Wüste, aus der wir gerade gekommen waren.

Wolfgang hat die Wüsten Kaluts daher verpaßt und ich war dort allein unterwegs, was dort durchaus gut machbar, aber nicht ratsam ist. Es läßt sich daher schon feststellen, daß der Ausflug nicht wie gedacht verlaufen ist. Ich war eher vorsichtig und nur am Rande der Wüste unterwegs und bin im Bereich der MCI Mobilfunkabdeckung geblieben. Wolfgang hat die Kaluts dafür komplett verpaßt, da sich beim rausfahren aus dem Gebiet gezeigt hat, daß die Ausschilderung missverständlich war.

Trotzdem haben wir beide eine super Oase mitbekommen und viel Sand und viel Hitze, es war für uns beide eine typische Wüstenerfahrung. Ein weiteres, kleineres Missverständnis gab es beim Hotel im Bam. Wolfgang wollte auf jeden Fall im
„Tourist Inn“ einchecken, womit ich einverstanden war. Trotz aller Recherchen ist es uns aber nicht gelungen, dieses Hotel ausfindig zu machen. Dabei war ich mit MCI und Irancell SIM + einem Notebook sehr gut für Recherchen aufgestellt, Wolfgang hatte nur ein Blackberry mit dem unterwegs etwas unzuverlässigem Irancell. Ich bin zu dem Ergebnis gekommen, daß es sich um das ITTIC in Bam handeln muss. Aber sicher war das nicht, wir haben verbissen darum gerungen, welches Hotel nun das richtige sein kann. Wolfgang wollte auf jeden Fall ins Tourist Inn, aber da gab es keine Homepage, es wurde immer später und meine Sorge war irgendwann, überhaupt ein Hotel für ihn zu finden – ich konnte schließlich überall stehen mit meiner Wohnkabine.

Das hört sich jetzt dramatischer an, als es war. Ich schreibe das nur auf, weil es aufzeigt, zu welchen kleineren Missverständnissen es kommen kann, wenn zwei unterschiedliche Charaktere gemeinsam unterwegs sind. Ich kann nur betonen, daß ich sehr gern mit Wolfgang unterwegs war – und falls du das ließt lieber Wolfgang: ich würde dich jederzeit wieder mitnehmen und ich hoffe, es gibt irgendwann in Deutschland ein wiedersehen. Ein paar andere Sachen haben nämlich richtig famos funktioniert !

So gab es in Bam eine richtig stressige Situation. Das Dach der Wohnkabine war auf, Dachluke abgerissen und es fing heftig an zu Regnen. Wir standen vor dem richtigen (oder falschen) Hotel. Das war nicht so doll. Ein davor stehendes Pärchen wußte angeblich ein besseres. Es mußte daher gleichzeitig und in windeseile das Dach provisorisch abgedichtet + das Pärchen in den LKW verfrachtet werden, um zum verbesserten Hotel zu fahren. Das klappte mit Wolfgang problemlos, ich konnte mich in dieser echt hektischen Lage zu 100% auf ihn verlassen. Pärchen vorne rein, Wolfgang hat hinten das Dach gesichert, ich hab den tonnenschweren Truck in der inzwischen eingetretenen Dunkelheit durch die tückische Stadt gesteuert. Und wir beide sind gelassen geblieben.

Ich würde es so zusammen fassen: eine gemeinsame Reise bedeutet für beide Seiten Stress, da unterschiedliche Erwartungen und Reisegeschwindigkeiten aufeinander treffen. Am besten einigt man sich vorher verbindlich auf Ziele, die gemeinsam
erreicht werden sollen. Dann ist gegenseitiger Respekt und die Bereitschaft für Kompromisse wichtig. Welche Tücken da auf einen warten können hat sich aber bei der vergeblichen Hotel Suche und der Suche nach den Kaluts gezeigt: das ließ sich beides
nicht auflösen, ohne daß jemand die Schuld daran gehabt hätte.

Früher hätte ich angenommen, daß spezielle Fähigkeiten am wichtigsten bei einem Reisepartner sind. Bringt jemand z.B. medizinische Kenntnisse mit oder jahrelange Wüstenerfahrung. Heute würde ich sagen, daß Stress Resistenz und gemeinsame
Wellenlänge am wichtigsten ist, dann kommt lange Zeit nichts, dann erst kommen die besonderen Fähigkeiten. Sowas geht nur mit ausgeglichenen Charakteren. Da hatte ich mit Wolfgang als Reisepartner wirklich ziemliches Glück.

(Stichwort Fähigkeiten: Wolfgang kann z.B. Schlachten. Das braucht man im Iran zwar nicht unbedingt, aber für eine Survival Expedition in den Amazonas kann ich ihn wärmstens empfehlen).

Ich hatte noch eine weitere, vielversprechende Begegnung. So bin ich einer jungen Frau begegnet, die alleine mit ihrem Landrover im Iran unterwegs war. Wir haben uns dann lose darauf geeinigt, Kontakt zu halten, um so eine Wüstenexpedition
gemeinsam anzugehen. Mit zwei in etwa vergleichbaren Fahrzeugen (Treibstoff, Reichweite, Fähigkeiten) macht so etwas wirklich Sinn und man kann sich gegenseitig im Notfall rausziehen. Obwohl wir zum Schluss (endlich) in der gleichen Stadt waren, ist daraus aber nichts geworden. Die Antworten zogen sich hin. Ich vermute, daß es in dem Fall wohl eher darum ging, doch eher alleine zu reisen, sich für Notfälle aber jemanden warm zu halten.

Ich war dann tatsächlich nochmal in der gleichen Wüste. In der Nähe von Kerman hab ich im Prinzengarten Shabnam kennen gelernt. Zusammen mit ihren Freunden waren wir mit zwei Fahrzeugen in den Kaluts. Wir haben in der Wüste Musik gehört, barfuss
im Sand getanzt und gemeinsam die Sterne betrachtet. Es war eine unvergessliche Nacht.